Optimismus, den man brauchen kann

1. Juli 2006, 12:04
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Ein Sommernachtstraum, modernes Angriffsspiel und überall Wimpel: eine Zwischenbilanz und ein Kommentar der ande­ren von Joschka Fischer

Die Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft ist vorüber, die Viertelfinalspiele sind am Laufen. Es bietet sich also eine gute Gelegenheit für eine Zwischenbilanz. Diese WM hat, anders als ihre Vorgängerin 2002 in Japan und Südkorea, in der Vorrunde keine echten Favoritenstürze gesehen. Die Schweiz und Australien haben mit ihrem Einzug ins Achtelfinale überrascht, die asiatischen und afrikanischen Mannschaften eher enttäuscht. Ghana allein hat das Achtelfinale erreicht. Hässliche Spiele voller Fouls, hinterhältigen Tritten und schweren Tätlichkeiten mit zahlreichen gelben, rot-gelben und roten Karten gab es bisher lediglich zwei, nämlich Italien gegen die USA und Portugal gegen die Niederlande.

Ansonsten erleben wir sportlich und atmosphärisch eine zauberhafte WM in Deutschland. Überhaupt Deutschland und die Deutschen. Wer hätte das gedacht, dass man sein eigenes Land und seine Leute kaum wiedererkennt?

Doch fangen wir zuerst mit den höheren Mächten an, denn pünktlich zur WM stellte sich in Deutschland nach einem furchtbar langen Winter und einem nicht vorhandenen Frühling der Sommer ein. Seit dem ersten Anpfiff dieser WM, quasi über Nacht, zeigt sich Deutschland von seiner sonnigsten und wonnigsten Seite. Das Wetter ist mediterran und die Leute sind es plötzlich auch. Klar, wir könnten jetzt auch beim Wetter (in Deutschland ein Dauerthema) auf die sprichwörtlichen deutschen Tugenden, wie Präzision, Pünktlichkeit und Organisationstalent verweisen, aber wir wollen nicht übertreiben.

Obwohl, Franz Beckenbauer, der Kaiser, ist Vorsitzender des nationalen Organisationskomitees und entsprechend kaiserlich ist das Wetter . . . Die Organisation funktioniert hervorragend (was zu erwarten war), die Sonne scheint (was vielleicht zu erwarten war), ganz Deutschland feiert seit zwei Wochen mit den Gästen aus aller Welt eine nie endende Party (was nicht zu erwarten war) und die deutsche Mannschaft spielt einen mitreißenden, modernen Angriffsfußball, der sie bis jetzt bereits ins Viertelfinale gebracht hat (was überhaupt nicht zu erwarten war!).

Nicht nur im Fußballspiel der deutschen Mannschaft, sondern auch im gesamten Land zeigt sich ein junges, ein cooles, ein lockeres, ein heiteres Deutschland - weltoffen, freundlich und gut gelaunt (alles andere als die bekannten deutschen Tugenden). Die Jahre einer medialen Negativpropaganda scheinen an den Deutschen spurlos vorübergegangen zu sein. Die Ärzte streiken, die Regierung erhöht die Steuern, die Parteien in der Regierung traktieren sich gegenseitig mit der Blutgrätsche, die Kanzlerin erklärt ihr eigenes Land zum Sanierungsfall - und die Deutschen feiern davon völlig unberührt einfach weiter, ein großes Fußballfest mit Freunden aus aller Welt.

Schwarz-Rot-Gold, die Farben der deutschen Trikolore, wehen und flattern im ganzen Land wie noch nie, aber kaum irgendwo findet man nationalistische Untertöne. Überall wimpelt es in den Landesfarben, und zwar nicht nur in den deutschen. In Berlin, wie in anderen deutschen Großstädten, sieht man die Taxis mit den jeweiligen Landesfarben geschmückt - von Angola bis Saudi-Arabien. Überhaupt die Nationalfarben - alle Fans schmücken sich mit ihrer Flagge und fantastischen Kostümen in ihren Landesfarben.

Die Fahnen wehen im Jubel des Sieges und taugen auch zum Trocknen der Tränen in der Niederlage. Die Polizei leistet hervorragende Arbeit, Hooligans hatten deshalb bisher kaum eine Chance, und hoffentlich bleibt dies so bis zum Finale. Kurz gesagt, Deutschland erinnert heute, frei nach William Shakespeare, fast an einen Sommernachtstraum und etwas Woodstock dazu. Öffentliches Fernsehen - public viewing - ist zum großen Fanereignis jenseits der Stadien geworden . .

Und der Fußball? Drei sportliche Entwicklungen fallen bei dieser WM bisher auf. Erstens dominieren Europa und Südamerika mehr als vor vier Jahren und bleiben die ungefährdeten Großmächte des Weltfußballs. Es ist daher nur zu hoffen, dass die WM 2010 in Südafrika hier endlich eine neue Entwicklung einleiten wird.

Zweitens steht der Weltfußball vor einem Generationenwechsel. Spanien, Argentinien, Deutschland, um nur einige unter vielen zu nennen, sind mit sehr jungen Teams angetreten und machen einen hervorragenden Eindruck. Im französischen, im englischen und auch im portugiesischen Team - trotz Zinedine Zidane, David Beckham und Luis Figo - drängen ebenfalls die jungen Spieler nach vorne. Und auch die brasilianische Mannschaft wirkt mit Robinho und Juninho wesentlich aggressiver und torgefährlicher als mit ihren alt gewordenen Weltmeistern von 2002.

Und dieser Generationenwechsel wird wiederum durch die dritte sportliche Entwicklung beschleunigt. Der Fußball in der Weltspitze ist noch schneller und athletischer, und die Räume sind daher noch enger geworden. Ein Team, das nicht in der Lage ist, neunzig (oder mehr) Minuten volles Tempo zu gehen, mit der ganzen Mannschaft schnell von Verteidigung auf Angriff umzuschalten, mit perfekter Technik den Ball auf engstem Raum zu kontrollieren und dann auch zu punkten, hat in der Weltspitze kaum noch eine Chance.

Hier ist im Fußball durchaus eine gewisse Parallele mit den Bedingungen der globalisierten Märkte festzustellen, die ähnliche Umstellungen von den nationalen Volkswirtschaften erzwingen. Gespannt darf man sein, ob sich am Ende dieser moderne Offensivfußball erfolgreich durchsetzen kann. Dem Fußballsport und den Fans würde dies mehr als gut tun.

Wie gesagt, es ist dies eine WM, die sowohl auf dem Fußballplatz als auch auf den Straßen und Plätzen von einer neuen, einer jungen Generation geprägt wird - unbeschwert, packend und einfach nur schön. Wenn am 9. Juli das Endspiel in Berlin abgepfiffen wird, dann wird uns Deutschen hoffentlich möglichst viel von dieser Stimmung erhalten bleiben. Gerade wir in Deutschland werden diesen Optimismus sehr gut gebrauchen können.

Denn leider werden auch in Zukunft zwei Grundsätze unverändert fortgelten: Erstens, der nächste Winter kommt bestimmt. Und zweitens, der Ball ist rund und das nächste Spiel ist das schwerste. (Joschka Fischer, © Project Syndicate, DER STANDARD Printausgabe 01.07.2006)

Zur Person:

Joschka Fischer war von 1998 bis 2005 deutscher Au- ßenminister und Vizekanzler. In den beinahe 20 Jahren sei- ner Führungstätigkeit bei den Grünen trug er dazu bei, aus der ehemaligen Protestpartei eine Regierungspartei zu ma- chen.

  • Joschka Fischer
    foto:epa/milner

    Joschka Fischer

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