"Es lebe der Tod!"

30. Juni 2006, 20:14
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Jean-Patrick Manchettes Roman "Nada": Eine bunt zusammengewürfelte Truppe, die den amerikanischen Botschafter aus einem Pariser Edelbordell kidnappt

"Nada" - "Nichts" - nennt sich die bunt zusammengewürfelte Truppe, die den amerikanischen Botschafter aus einem Pariser Edelbordell kidnappt, um 200.000 Francs zu erpressen und vom Staat die Verbreitung eines revolutionären Manifests zu erzwingen. Unklar bleibt, was sie bewegt. Man kann nicht einmal sagen, dass es der Hass ist, der sie eint. Am klarsten kennen die beiden Romantiker der Truppe ihre Motive. Es sind ein adliger Säufer und der Katalane Buenaventura, dessen Vater 1937 in Barcelona auf den Barrikaden fiel und dessen Name an den Anarchisten Durruti (und an einen Text der deutschen schwarzen Romantik) erinnert. "Es lebe der Tod!" brüllen sie und steuern einen geklauten Jaguar ins Sperrfeuer der Gendarmerie.

Als Jean-Patrick Manchette 1971 "Nada" schrieb, war von linkem Terrorismus in Europa noch kaum die Rede. Einzig die Stadtguerilla der Tupamaros war in Uruguay schon aktiv, und es ist möglich, dass der Filmkritiker Manchette Kontakte zu Konstantin Costa-Gavras hatte, der gerade an seinem Tupamaro-Film "Der unsichtbare Aufstand" arbeitete. Sei es, wie es sei: Obwohl der 30-jährige Manchette damals noch heftig von der Revolution träumte, erteilte er in seinem Roman allen Träumen vom "bewaffneten Kampf" eine gnadenlose Absage.

Scheinbar unbeteiligt, ohne Identifikationsangebot an den Leser, zeichnet er wie die Kamera eines Dokumentarfilmers die Geschehnisse auf: wie die Leute von "Nada" Autos klauen und sich Waffen beschaffen, wie sie den Amerikaner aus dem Bordell holen, wie das Ganze zufällig von einem Abtrünnigen der Sicherheitskräfte gefilmt wird, wie heranrasende Polizisten erschossen werden, wie im Innenministerium der Plan ausgeheckt wird, unter Verwendung eines eigenmächtigen Kommissars die Terroristen und den amerikanischen Botschafter zu massakrieren, um die Situation für einen Vorstoß des Staatsapparats zu nutzen.

Mit seinem an Gustave Flaubert und Dashiell Hammett geschulten "behavioristischen" Stil hat Manchette für den Kriminalroman geleistet, was Brecht für das Theater tat - allerdings ohne dessen penetrante Didaktik. Über sein Vorbild Hammett schrieb Manchette: "Bei Hammett lügen alle, und diejenigen, die glauben, die Wahrheit zu sagen, bringen nur ihr falsches Bewusstsein zum Ausdruck. Der Text wird aus Misstrauen und aus Verzweiflung systematisch von allen Verzierungen gereinigt, von jeder Stilfigur, jedem poetischen Flottieren des Sinns, bis er zum Gegenteil eines Kunstgegenstands wird, zu einem menschlichen Knochen."

Die kalte Wut, den Hass auf die lebensunwürdigen kapitalistischen Verhältnisse verbirgt Manchette in sarkastischen Wortwitzen und der Konstruktion der Handlung.

Manchette hat zwischen 1971 und 1981 neun Kriminalromane veröffentlicht, die nicht nur den französischen Kriminalroman, den "Polar", revolutionierten. Seine "Neo-Polars" - kalt, messerscharf, analytisch, rasant - gehören zum Kernbestand der europäischen Kriminalliteratur. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.7.2006)

Von Tobias Gohlis
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    foto: süddeutsche kriminalbibliothek
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