Das totale Schauen

30. Juni 2006, 19:32
7 Postings

Franzobel versenkt die Land gewordene Videowall, die wie der "Dallas"-Ungustl klingt

Einstens hat Franz Beckenbauer sein legendäres Schaun mer mal geprägt, und nun bei der WM, bei der man zuweilen den Eindruck hat, die Welt ist nicht zu Gast in Deutschland, sondern bei ihm, hat dieses Beckenbauerische Schaun mer mal Gestalt bekommen: Deutschland ist ein Schau-mer-mal geworden, eine hochgeschraubte, wahnwitzige Wochenschau, eine Land gewordene Videowall: Public Viewing! Klingt wie der Ungustl aus "Dallas", steht aber für Hurrastimmung und Gemeinschaftssinn. Hunderttausende drängen an öffentliche Plätze, um Fußball zu zelebrieren, mit anderen grölenden, Bier schwitzenden, in Fahnen gerollten Körpern die Welle zu machen, kleine Rasenflächen zu verteidigen, überteuerte Bierpreise zu zahlen, oder, nobler ausgedrückt: sich dem Rausch der Masse hinzugeben. Canetti würde jubeln.

Aber jeder Fußballegaliker muss sich fühlen wie in einer Diktatur, überall Rückblicke, Vorwände, Spiele, Videoscreens, sogar die ÖBB behelligt ihre Fahrgäste mit WM-Ergebnissen, und dann noch dieses fürchterliche Modewort, das zudem an den momentan nicht anzuschauenden englischen Sumpfkick erinnert, der, wenn er nicht besser wird, zu einem geschmalzenen, an die Queen persönlich adressierten Protestbrief führen wird: Public Viewing.

Warum man sich ein Spiel nicht mehr alleine ansehen will? Man an Orte drängt, wo zur Pause bestimmt die Klos verstopft sind? Geht es ums Kollektive, darum, dass man heute alles sehen muss, oder um eine Ausgewogenheit der Temperamente sogar im Publikum, eine Säftelehre-Harmonie, die auch bei den Teams entscheiden wird. Brasilien und Frankreich haben Sanguiniker (Ronaldinho, Henry), Phlegmatiker (Ronaldo, Zidane) und Choleriker (Roberto Carlos, Barthez), fehlt nur die Melancholie, die bloß bei Argentinien (Pekerman, Riquelme) und Deutschland (Klose, Neville) stark vertreten ist, weswegen der Sieger dieser Partie auch ein ernster Titelanwärter ist. In der Squadra Azzurra überwiegen Rumpelstilzchen, bei Portugal das Phlegma, und England wie die Ukraine spielen überhaupt blutleer.

Entscheiden wird die Ausgewogenheit, und da wären eigentlich Frankreich und Brasilien voran, hätte man nur etwas von der Melancholie José Pekermans, der noch immer einsam wie ein nicht abgeholtes Kind an der Seitenlinie steht, der Melancholie, die mich befällt, wenn ich an die menschelnde Ausgelassenheit beim Public Viewing denke, an Franz Beckenbauers Schaun mer mal oder die unendliche Melancholia, die sich länderweise wie ein Flächenbrand an Traurigkeit über die armen Verlierer, die Ausgeschiedenen, legt, da nützt dann auch das Public Viewing nichts, da ist der Spaß dann gleich vorbei, hat man eine Totenschau. (DER STANDARD Printausgabe 01.07.2006)

Zur Person:

Franzobel ist Schriftsteller und Dramatiker in Wien.

Share if you care.