Salzburger Sommerszene: Hochdruck auf die Tränendrüse

30. Juni 2006, 19:48
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Superamas & Co.: Eine Boys-Band spielt die Dekadenz der Rockkultur, im Fitness-Studio geilen sich Zuckerschnuten an ihrer hohlen Existenz ab

Salzburg - Endlich gibt es Superamas-Feuerzeuge! Wieder zündeln die fünf Männer dieses französisch-österreichischen Performance-Kollektivs in den Bilderwäldern der Medienkultur.

Die Uraufführung des letzten Teils der Big-Trilogie, Big 3rd Episode (happy/end), im Rahmen des Salzburger Sommerszene-Festivals trägt deutliche Hinweise auf eine versuchte Brandstiftung. Das Opfer dieses Anschlags ist weniger das Unterhaltungsspektakel selbst, sondern das System des Austauschs zwischen Entertainment und dessen Konsumenten. Also die augenzwinkernde Akzeptanz der Klischees aus dem täglichen Infotainment, dessen Bilder zur Lebendigkeit gezwungen werden, weil wir uns von ihnen prägen lassen.

Superamas stellen dar, wie die vom allgegenwärtigen TV-Vampir aus dem sozialen Körper gesaugten Pathologien von Liebe, Grausamkeit, Eitelkeit et cetera wieder in ihn eingespeist werden. In Big 3rd Episode wird diese Re-Injektion auf die Spitze getrieben.

Die Dekadenten

Eine Boys-Band spielt die Dekadenz der Rockkultur, im Fitness-Studio geilen sich Zuckerschnuten an ihrer hohlen Existenz ab. Diese beiden Szenen werden wiederholt, unterbrochen und mit Zwischenszenen kontaminiert.

Erschütterndes kommt zutage: Betrug, Abtreibung, ein Autounfall. Ein Biodanza Workshop vermischt sich mit Partysex. Die Welt des amerikanischen Hochleistungstanzes à la Fame! wird mit Hingabe verspottet. Und der Tod kriecht als unheimlicher, lynchesker Lichtraum auf die Bühne.

Das Feuerzeug wird auch an die Glaubensrituale des postmodernen Intellektualismus gehalten, wenn ein schicker Typ auf seiner Fitness-Maschine trampelnd als Derrida die großen Worte spricht: "Das absolut Gute wäre gleichbedeutend mit dem Tod." Vor allem unter der Perspektive des Bekenntnisses: "Superamas trinkt Trumer-Pils." Product-Placement ist hier Kunststrategie als Pop-Art-Parodie, und das Bier ist dabei nicht weniger wert als die Philosophie.

Ist das nicht ein unverschämtes Pseudoverbrechen? Der Fremdenführer als Moderator von Scheinwirklichkeiten ist übrigens Thema in dem Spaziergang accidental journey des deutschen Choreografen Martin Nachbar, einem weiteren Künstlergast der Sommerszene. Er bietet ein Sightseeing, das in die Twilight Zone zwischen Fakt und Fiktion führt.

Man erfährt von Schießereien, einem Mann, der sich mit seinem BMW vom Mönchsberg in ein Hausdach kippte, von Felsstürzen im 17. Jahrhundert, dem Untergang des Sightseeing-Schiffs "Amadeus", von Überwachungskameras und Ausrutschern im Mozart-Geburtshaus.

Schattenreich

An Salzburgs Schattenseiten rührt auch Jeremy Xido in seiner bedrückenden Dokumentation über den Mord an einem Stadtstreicher durch eine Gruppe von Jugendlichen im Jahr 1996. Den Tearjerker spielt der Brüsseler Choreograf Davis Feeman in seinem so betitelten Stück, in dem er anrührt, was dem Allerweltsbilderkonsumenten gerne auf die Augen gedrückt wird. Sogar ein Tränenstift kommt zum Einsatz. Bei aller Erweichung des Herzens gibt es allerdings doch eine Ebene der Empathie, die über die Bauernfängerei des Entertainments hinausweist.

Denn das Fernsehen, der Tanz, der Film und das Theater spielen bekanntlich Katz mit unseren Mausgefühlen. Womit wir letztlich wohl wieder bei Superamas wären, und bei dem Thema des Festivals: "Sex, Crime and the City", das sind wir - als Komplizen des Spektakels. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.7.2006)

Von Helmut Ploebst

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Sommerszene
  • Zickenterror und Boy-Bands, einfach "Big"!
    foto: sommerszene

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