"Dear Wendy": Schüsse statt Küsse

30. Juni 2006, 19:33
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"Dear Wendy" von Thomas Vinterberg ist eine verspielte Allegorie um jugendliche Waffennarren, die als Dandys gegen die Kleinstadt aufbegehren

Der dänische Regisseur hat mit "Dear Wendy" ein Script seines Kollegen Lars von Trier verfilmt.



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Wien - Die Sinnlichkeit einer Schusswaffe ist nicht zu unterschätzen. Der Jugendliche Dick (Jamie Bell) wird diese Erfahrung machen, obwohl er sich als Pazifist bezeichnet. Als er das erste Mal den fragilen Damenrevolver mit dem Perlmuttgriff abfeuert und dabei gleich ins Schwarze trifft, geht etwas in ihm vor. Sein Gesicht wird starr, und sein Körper scheint leicht zu beben. Er wird der Waffe einen Frauennamen geben, Wendy, er wird sie nah bei sich tragen. Die erotischen Konnotationen dieser Begegnung sind damit mehr als offen gelegt.

Um dieses Erlebnis mit anderen zu teilen, gründet Dick gemeinsam mit seinem Kumpel einen geheimen Orden, der sich ungewöhnliche Regeln auferlegt. Der Gebrauch der Revolver ist nur im Gewölbe einer stillgelegten Mine erlaubt. Nicht Selbstverteidigung ist das Ziel, sondern die libidinöse Einheit mit der Waffe. Das Schießen selbst hat eine streng psychologische Funktion: Es hebt das Selbstwertgefühl der auf Dandys getrimmten Schützinnen und Schützen, die, einst die jugendlichen Verlierer einer US-Kleinstadt, nun eine soziale Rolle und damit zu einem positiven Selbstbild finden.

Dear Wendy gibt sich in seiner ironischen Neudeutung des sonst geächteten Waffennarrs recht deutlich als Geisteskind Lars von Triers zu erkennen. Der dänische Provokateur schrieb in diesem Fall das Drehbuch, das sich wie ein Nebenprodukt zu seinen USA-Allegorien Dogville und Manderlay ausmacht, überließ die Regie jedoch Thomas Vinterberg (Das Fest). Auch von Triers Dogma-Weggefährte betont die Künstlichkeit der Settings, er malt aber keinen dunklen Raum mit Kreide voll, sondern konstruiert eine Stadt aus amerikanischen Archetypen, zu der ausgefeilte Kostümierungen ebenso gehören wie die Figur eines grimmigen Sheriffs (Bill Pullman).

Vinterberg ist weniger an einem abstrakten Gleichnis interessiert als daran, von fehlgeleitetem jugendlichem Renegatentum zu erzählen, das schnell an Grenzen stößt. Wiewohl angereichert mit zahlreichen populärkulturellen Zitaten - von Kubricks Barry Lyndon bis zu Westernklassikern wie Butch Cassidy and the Sundance Kid -, bleibt Dear Wendy dennoch ein Film, der nie genügend verbergen kann (oder auch gar nicht will), dass seine Autoren durchaus reale Begebenheiten im Sinn hatten: den Waffenfetischismus und seine Folgen wie das Massaker von Columbine.

Duell mit dem Gesetz

Der thesenhafte Überbau des Films verträgt sich allerdings mit dem dramatischen Handlungsbogen, der sukzessive auf eine Konfrontation der Waffenfreunde mit Gesetzeshütern hinausläuft, nur bedingt. In der ersten Hälfte geht Vinterberg mit der Voiceover Dicks, der seinem nunmehr von ihm getrennten Revolver Wendy retrospektiv das Geschehen aufbereitet, noch auf Distanz zu den Ereignissen; später kommt er nicht umhin, zum verklärt-nostalgischen Sound von The Zombies die Perspektive seiner Figuren direkter, auch überzeichneter zu vermitteln.

Damit verflüchtigt sich aber auch jeder Anspruch von ernst gemeinter Sozialkritik. Mit immer leicht lächerlichen Posen, aber echtem Engagement ziehen die Dandys gegen die Zumutungen einer Kleinstadt zu Felde, die alte Frauen nicht ohne Angst die Straße überqueren lassen. Selbstredend, dass das schief gehen muss: im Shoot-out, das das Genre für solche Angelegenheiten eben bereithält. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.7.2006)

Von Dominik Kamalzadeh
  • Jeder Schuss hebt das Selbstwertgefühl ein wenig mehr: die jugendlichen Revolverhelden aus Thomas Vinterbergs "Dear Wendy".
    foto: polyfilm

    Jeder Schuss hebt das Selbstwertgefühl ein wenig mehr: die jugendlichen Revolverhelden aus Thomas Vinterbergs "Dear Wendy".

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    foto: polyfilm
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