Finnische Lichtbilder

5. Juli 2006, 17:10
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Die hellen Momente im hohen Norden nutzten die Finnen für brillante Architektur, die aus der Stadt eine Lifestyle-Metropole machte

Der Nachtportier ist Finne - und unsichtbar. Wer am vorgerückten Abend von Helsinkis Airport in die Stadt rollt, ahnt davon vielleicht noch nichts. Aber Blickkontakt hält man mit der Hoteladresse auch dann. Dafür sorgt allein schon das Taxi-GPS, das rote, konzentrische LED-Kreise über den Stadteil Vallila pulsieren lässt. Leer wirken die Straßen, trotz der sommerlichen Helligkeit, und wie frisch gebügelt sehen die Betonböden neben den 70er-Jahre-Klötzen aus.

Im Moment taugt zum Vordringen ins Hotelzimmer vor allem eine Ziffernkombination. Wer spät im "Hotelli AVA" eincheckt, darf sich nämlich über einen spannenden Crashkurs in Sachen Effizienz freuen - und mag etwas von Finnlands viel zitierter Introvertiertheit erahnen. Denn anonym, ohne auch nur ein Wort reden zu müssen, kommt man hier ins Bett. Die Ziffernkombination öffnet das Foyer, öffnet dann das Schlüsselfach, öffnet zuletzt die Zimmertür. Monk wäre hier Stammgast.

So ist das mit Helsinki. Der Stadt eilt der Ruf voraus, Randständiges zu veredeln. Wer die Filme des Kaurismäki mag, das Schweigen seiner Protagonisten, und das dumpfe Bammm!!!, mit dem Wodka-getränkte Film-Finnen gegen den Spannteppichboden knallen, der wird für Helsinki-Annäherungen, die in der Vorstadt beginnen, offen sein. Etwa weil man dabei an Lokalen wie der "Badener Weinstube" vorbeikommt. Oder weil man zwangsläufig in jenen giftgrünen, kleinen Straßenbahnen durch die Gegend rollt, in der einer von Kaurismäkis Alltagshelden einst Opfer eines Personalabbau-Pokers wurde - indem er die niedrigste Spielkarte zog. Unwillkürlich sieht man in den Spiegel, ob der Fahrer des 7a traurig aus der Wäsche schaut. Einsaugen sollte man solche Momente und sich berühren lassen von der ergreifenden Art der Finnen, besonders traurig aus dem Straßenbahnfenster oder ins Bierglas zu schauen. Am schönsten gelingt das am Tresen neonbeleuchteter Kioski, wie die einsamen Fleischpiroggenbuden am asphaltierten Rande der Tundra heißen.

Kopfbahnhof

Wenn der 7a nach ein paar Stationen vor dem Hauptbahnhof hält, ist diese innere Stadtlandschaft längst verschwunden. Lebhaft präsentiert sich Helsinki da, und die vier Titanen-Köpfe am Portal von Eliel Saarinens berühmtem Art-déco-Bahnhof blicken auf eine betriebsame Stadt nieder. Man glaubt es gerne, dass Helsinki für diesen Sommer mit einem neuen Touristenrekord rechnet. Fünf Millionen Menschen sollen bis zum September in die Hauptstadt kommen, die sich nicht zuletzt auch zu einem immer beliebteren Anlaufpunkt für Kreuzfahrtschiffe gemausert hat. Der wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernte Hafen ist denn auch kein schlechter Ausgangspunkt für die Erkundung der Stadt. Erstens weil hier das famose Fischrestaurant "Fishmarket" nur wenige Schritte entfernt ist, ebenso wie die Räucherfisch-Shops der grandiosen Markthalle Kauppahali, der nach der Restaurierung ein wenig die alte Patina abhanden gekommen ist.

Doch die Dinge ändern sich. Das gilt für das ehemalige Gefängnis im Katajanokka-Viertel, das zurzeit in ein Hotel verwandelt wird. Und auch der Bummel an der Esplanadi, an Helsinkis von neoklassizistischen Gebäuden geprägtem Boulevard, ist zunehmend hipper geworden. Hier, unter dem Schatten mächtiger Platanen, ist von der sprichwörtlichen Melancholie der Finnen, und vom russisch-rustikalen Charme der - nach Reykjavík - zweitnördlichsten Hauptstadt nur noch wenig zu spüren.

Unübersehbar ist hingegen anderes. Etwa der jüngste Aufbruch, der, gespeist vom Erfolgen à la Nokia, auch eine innovative Designer-Generation durchstarten ließ, und Helsinki so auf die Weltkarte der Lifestyle-Destinationen rückte. Der alte Alvar Aalto geistert durch die Showrooms von Iittala und Artek, in denen geschulte japanische Touristen neben den Klassikern des Altmeisters eben auch die Avantgarde-Stücke der neuen Szenestars bewundern können.

Lichtgestalten

Und Design prägt einige Blocks weiter auch das spektakulär transparente Sanoma House, in dem das National Design Council für wechselnde Veranstaltungen sorgt. Unübersehbar schiebt sich gleich gegenüber auch die sensationelle Architektur des modernen Kunstmuseum "Kiasma" unter den offenen nordischen Himmel. Licht ist das gravierendste Naturelement Finnlands, heißt es. Im Winter macht es sich rar, im Sommer ist es im Überfluss vorhanden, zeichnet lange Schatten, und funkelt an den Wodkagläsern des trendigen Kiasma-Cafés.

Dass Helsinki eigenwillige Wege beschreitet und über einen Eigensinn verfügt, der der Stadt auch eine Traktor-Bar und eine Sauna-Bar beschert, das ist auch im Kiasma-Museum spürbar. Sicher wegen der ausgezeichneten Kuratoren. Aber auch weil drei- bis siebenjährige Knirpse hier als offizielle Museums-Guides arbeiten. "Upside-Down" heißen die Touren, bei denen Workshop-gebriefte Kinder ihre Kunsteindrücke vermitteln. Ein verlagerter Blickwinkel auch das. (Robert Haidinger, Der Standard, Printausgabe 1./2.7.2006

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    foto: der standard
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