Abwärtstrend für Blair setzt sich fort

7. Juli 2006, 09:37
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Erneut schwere Schlappe bei Nachwahlen

Blaenau Gwent ist einer dieser Wahlkreise, von denen Spötter behaupten, man könnte dort auch einen Esel mit Labours Rose am Hals ins Rennen schicken, er würde immer noch haushoch gewinnen. Jahrzehntelang stand das Industrierevier im Zeichen von Kohle und Stahl, schien die Labour Party den Sieg gepachtet zu haben. Umso heftiger schmerzte am Freitag die Niederlage: Bei einer Nachwahl in Blaenau Gwent hat die Partei von Premier Tony Blair erneut gegen einen unabhängigen Bewerber verloren.

Owen Smith (Labour) erhielt 37 Prozent der Stimmen, während Dai Davies, der Unabhängige, 46 Prozent bekam. Die Schlappe ereilt die Regierungsriege nur acht Wochen nach dem Desaster bei der Kommunalwahl, als sie von den Konservativen überraschend klar abgehängt wurde. Ergo herrscht Katzenjammer in Downing Street, geprägt von dem Eindruck, dass es Blairs Mannschaft partout nicht gelingen will, den Abwärtstrend umzukehren.

Wahl in Kleinstadt deklassiert Labour

Verschärft wird die Krisenstimmung durch ein zweites Debakel. In der Kleinstadt Bromley bei London, wo nach einem Todesfall gleichfalls ein neuer Parlamentsabgeordneter bestimmt werden musste, landete die Labour-Partei mit sechs Prozent auf einem deklassierenden vierten Platz, noch hinter der obskuren United Kingdom Independence Party (UKIP), die sich den Austritt aus der EU auf die Fahnen schreibt. Allerdings gilt Bromley seit jeher als Tory-Hochburg. Was Blair am härtesten trifft, ist das Fiasko in der alten Hochburg in Wales.

Denn in Blaenau Gwent wollte er korrigieren, was in seinen Reihen nur als peinliche Panne galt, schnell zu beheben, wenn man sich nur ein wenig anstrengte. Beim Unterhausduell vor gut einem Jahr hatte der Premier einen treuen Parteisoldaten so gegen sich aufgebracht, dass der kurz entschlossen gegen seine eigenen Genossen antrat. Peter Law, ein Funktionär alter Schule, konnte es nicht verschmerzen, dass Blair ihm eine Frau vor die Nase setzte, Maggie Jones, eine Aufsteigerin aus New Labours Reformfraktion.

Im Mai 2005 sorgte Law für wahre Schockwellen, als er den Sitz holte. Elf Monate später starb er an Krebs, sodass die Bürger ein zweites Mal an die Wahlurnen treten mussten. Smith, der neue Labour-Mann, wähnte sich schon auf der Siegerstraße, eine Zuversicht, die sich jetzt als Trugschluss erwies. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2. Juli 2006)

Von Frank Hermann aus London
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