Hat sich der Feminismus überlebt?

12. Juni 2000, 14:32

Cheryl Benard und Edit Schlaffer, interviewt von Martina Salomon

Standard: Man hat das Gefühl, der Schwung ist raus aus der feministischen Bewegung. Bei Demos für Frauenprojekte kommen kaum Leute. Hat sich der Feminismus überlebt?

Benard: Der Feminismus der 60er und 70er Jahre war eine sehr laute, provokative, lustige, farbenfrohe Angelegenheit – das lässt sich nicht in der Form institutionalisieren, und die Zeit ist insgesamt anders und gesetzter. Natürlich wäre es lustig, nach wie vor nachts mit Slogans wie „die Hexen sind zurück" durch die Innenstadt zu ziehen, aber das nutzt sich eben ab. Die Bilanz ist mehr als positiv, von den grundsätzlichen Zielen und Forderungen ist sehr viel erreicht worden. Wir können fast von einem sozialen Quantensprung sprechen.

Standard: Hat der Feminismus der Siebziger Jahre noch Antworten für die jungen Frauen von heute. Oder muss er mit neuen Inhalten gefüllt werden? Wenn ja mit welchen?

Schlaffer: Es gibt immer wieder irgendwelchen grandiosen Trenderklärungen über junge Frauen: Sie wollen alle wieder heiraten, oder sie fühlen sich alle schon komplett emanzipiert und die Gleichberechtigung kommt aus der Steckdose. Aber wenn wir uns eine x-beliebige Versammlung von 18-25jährigen ansehen, ergibt sich ein Spektrum. Beruflich ehrgeizige Frauen, die sich auf dem Männerterrain der Börse wohlfühlen; relativ planlose junge Frauen, die sich vergnügen und daneben einen kleinen Job und irgendwann einen Ehemann und Kinder haben wollen; sozial Engagierte; dieselbe Streuung wie eh und je. Sie hören von ihnen, daß der Feminismus überholt ist, aber ebensooft hören Sie, daß er noch gar nicht richtig begonnen hat, weil die Tanten aus den 60ern und 70ern zu sehr auf der Blumen-und-Friedenswelle geschwommen sind und nicht pragmatisch genug waren.

Standard: Sind - angesichts der fundamentalen Probleme der Frauen in der dritten Welt und in moslemischen Staaten - die Probleme der Frauen hierzulande Luxusprobleme?

Benard: In Afghanistan dürfen Mädchen heute ganz offiziell, per Regierungsdekret, nicht in die Grundschule gehen und sollen nicht lesen und schreiben lernen. Es gibt Untergrundschulen, wo Lehrerinnen unter großem Risiko, subversiv, Mädchen unterrichten. In China gibt es einen demographischen Männerüberhang von 70 Millionen, weil nur Söhne erwünscht sind und Mädchen selektiv abgetreiben oder gleich nach der Geburt umgebracht werden. Im Vergleich dazu ist das Problem, daß in obersten Führungsetagen nur 5% Frauen vertreten sind, sicherlich als Luxusproblem zu bezeichnen. Und auch wieder nicht, denn die globalen Mißstände resultieren in letzter Instanz daraus, daß Männer überproportional die Macht okkupieren und Entscheidungen treffen, die nicht im besten Interesse von Frauen und Kindern und damit auch nicht im besten Interesse einer gesunden Gesellschaft sind.

Standard: Behindern sich Frauen nach wie vor selbst beim Prozess der Gleichberechtigung, wie Sie in einem Ihrer Bücher sagen?

Schlaffer: Das ist sehr frustrierend, ja, wenn man z.B. mühevoll ein Publikum von irgendeinem Frauenanliegen fast schon überzeugt hat, die Männer nicken schon oder wiegen bedächtig die Häupter und sehen alles ein, und dann meldet sich irgendein Trampel zu Wort – hier beziehen wir uns auf Günther Nennings unsterblichen Ausspruch, demzufolge eine Frau entweder Feministin sein kann oder Trutscherl -- und säuselt irgendwas reaktionäres dahin. Dritte Welt ist eine andere Frage, aber wenn hier, im Westen, eine gebildete Menschengruppe die noch dazu die Mehrheit hält, und in einem demokratischen Erdteil lebt, sich nicht dazu aufraffen kann, die eigenen Rechte einzufordern und die eigenen Vorstellungen durchzusetzen, dann kann mitunter kurzfristig seine Lebensfreude verlieren. Wir müssen uns aber zwei Dinge vor Augen halten: erstens, viele Menschen generell handeln nicht entsprechend ihren tatsächlichen Interessen, sondern lassen sich manipulieren und politisch in die Irre führen, das ist nicht alleine die Spezialität der Frauen. Und zweitens, es gibt immer und überall Opportunisten, Kollaborateure und Mitläufer. Und die entsprechenden –Innen eben auch.

Standard: Haben die Männer ihr Defizit an Familienorientiertheit in dem Maße aufgeholt, indem Frauen in männliche Domänen eingezogen sind?

Benard: Die innovativen sozialen Programme und Bildungsprogramme sind alle auf Mädchen und auf Frauen fokussiert. In Schulen gibt es zunehmend Mädchengruppen und die sogenannte „Mädchenarbeit". Was soziale Innovation anbelangt, sind Männer in den letzten Jahrzehnten als Fenstergucker behandelt worden. Besonders deutlich ist das in Erziehung und Schule, wo es kein Äquivalent zur Mädchenförderung gibt. Unser nächstes Buch handelt von den Schwierigkeiten, die junge Männer in der Adoleszenz erleben, und vom kompletten Defizit an stützenden, begleitenden Maßnahmen für männliche Jugendliche in ihrer sozialen Entwicklung (Einsame Cowboys, etc..).

Standard: Ist nicht eines der Hauptprobleme der Emanzipation, dass die Gesellschaft jetzt in Summe kinderfeindlicher geworden ist?

Schlaffer: Wir sehen hier eine andere Korrelation, nämlich daß – in Europa – eine emanzipationsfeindliche Kultur bald keine Kinder mehr haben wird. Familien werden immer kleiner, mehr und mehr Paare entscheiden sich gegen Kinder, weil der Staat von Hausfrauen und Muttis fantasiert, die es nicht mehr gibt und nie mehr geben wird. Vaterschaftsurlaub, Job-Sharing für beide Geschlechter, bessere öffentliche Kinderversorgung, qualifizierte weibliche und männliche Arbeitskräfte, die nur vorübergehend aus dem Beruf aussteigen und dann wieder gut hineinkönnen, so sähe eine intelligente Arbeitsmarkt- und Familienpolitik aus.

Martina Salomon für Der Standard

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