"Das konnte nur schief gehen"

30. Juni 2006, 20:28
82 Postings

Vorstandschef Nowotny analysiert im STANDARD-Gespräch "mit der Weisheit des Rückblicks" die Causa Bawag und hält Elsner für "empörend habgierig"

Der Chef der Bawag P.S.K., Ewald Nowotny, analysiert im STANDARD-Gespräch "mit der Weisheit des Rückblicks" die Causa Bawag. Elsner hält er für empörend habgierig; der ÖGB hätte die Bank besser an die Börse gebracht. Renate Graber hat gefragt.

***

STANDARD: Ihr Vize, Stephan Koren aus dem bürgerlichen Lager, hat kurzfristig abgesagt. Schaut er Fußball oder macht er sich klein? Aus der ÖVP hört man, er soll sich in der Causa Bawag im Hintergrund halten.

Nowotny: Er musste zum Bankenverband, das kann man nicht als Kleinmachen verstehen. Er ist dort Vorsitzender.

STANDARD: Sie hatten am Mittwoch Geburtstag. Wünschen Sie sich endlich Ruhe ?

Nowotny: Ich wünsche mir, dass sich das Geschäft konsolidiert, und wir die Bank erfolgreich verkaufen. Dass der Käufer die Bank mit zusäzlichem Kapital ausstattet, und wir den Vertrieb über Bawag, Post und Direktvertrieb weiterführen können.

STANDARD: Klingt langweilig.

Nowotny: Ein bisschen Fadesse könnte ich schon ertragen. Ich habe viel Arbeit investiert, würde jetzt gern die Aufschwungphase miterleben.

STANDARD: Sie glauben, die kommt jetzt wirklich?

Nowotny: Seit wir die Bilanz 2005 haben, hat sich die Lage entspannt. Die Welt schaut wieder besser aus, so gut, dass ich übrigens voriges Wochenende das erste Mal seit Langem auf dem Traunsee mit meinem Segelboot unterwegs war. Beruflich gesprochen: Wir haben alle Probleme mit finanziellen Auswirkungen erfasst. Alle Berichte zur Bawag gehen davon aus, dass keine finanziellen Belastungen mehr kommen. Was noch möglich ist, betrifft den menschlichen Faktor: Dinge, die mit Helmut Elsner zu tun haben, auch die kriminelle Seite wie Kick-Backs. Das kann ich nicht ausschließen, ist aber Sache der Gerichte.

STANDARD: Warum soll man Ihnen glauben? Sie haben noch vor Kurzem gesagt, dass "Refco nur eine Delle ist",dass "die Gewerkschaft ein guter und der richtige Eigentümer ist" und "die Bawag eine kerngesunde Bank mit einem Eigenkapitalüberschuss von 1,4 Mrd. Euro".

Nowotny: Das war die Sicht, die wir Anfang des Jahres hatten. Vor einem Jahr habe ich gesagt, dass es keinen Grund gibt, warum eine Gewerkschaft keine Bank haben sollte. Mit der Weisheit des Rückblicks sage ich heute: Das konnte nur schief gehen. Ein Verein, der Interessenvertretung als Aufgabe hat, kann keine so große Bank führen. Die Bawag wurde aus dem Ehrgeiz des Managements heraus immer größer, die Kluft zum ÖGB ebenso. Der ÖGB konnte die Bank immer weniger steuern. Wäre er dem Beispiel der katholischen Kirche gefolgt und hätte er sich mit einer kleinen Bank wie Schelhammer & Schaterra begnügt, so wären diese Probleme nie entstanden. Oder der ÖGB hätte sich auf seine Rolle als Aktionär zurückgezogen, die große Bank zum Teil an die Börse gebracht und sich den Finanzmarktregeln unterworfen.

STANDARD: Wow.

Nowotny: Ich gebe zu, das ist mir selbst erst im letzten halben Jahr bewusst geworden.

STANDARD: Die Kirchenbank hat übrigens tolle Ethikfonds.

Nowotny: Solche wollte ich vor zwei Monaten auch platzieren. Aber ich habe die Idee zurückgestellt. Aus Angst, dass das falsch verstanden würde.

STANDARD: Sie haben geklagt. Glauben Sie, dass Sie von Elsner und Flöttl Geld zurückholen können?

Nowotny: Wir versuchen es, suchen ja auch noch Wolfgang Flöttls Bilder. Aber als wir mit der Polizei im Kunstdepot in Zürich waren, hingen dort nur Zadrazils, der mit der Postsparkasse eng verbunden war. Diese Bilder bringen wir nach Wien, weil die Depots größer als die Transportkosten sind.

STANDARD: Das bunte hinter Ihnen ist auch kein Rembrandt.

Nowotny: Der Rembrandt hängt ums Eck. Aber im Ernst: Es fehlt die Dokumentation der Gemälde, wir haben zwar 190 Mio. Dollar aus Versteigerungen bekommen, aber wir können das nicht zuordnen.

STANDARD: Die Bawag konnte 2005 nur dank Staatshaftung bilanzieren; die EU kritisiert die Haftung. Platzt die noch?

Nowotny: Ich gehe davon aus, dass das kein Problem wird. Die Eigenkapitalmaßnahmen der Banken und Versicherungen helfen uns, weil sie zeigen, dass die Garantie im Einvernehmen mit der gesamten Geldwirtschaft erfolgt und daher keine Wettbewerbsverzerrung anzunehmen ist.

STANDARD: Ihr Kollege Koren erzählt, er sei beim Erkennen des Milliardenverlusts "fast ohnmächtig" geworden. Sie auch?

Nowotny: Wir haben das gleichzeitig entdeckt, und ich habe gesagt: "Ich glaub, ich krieg' einen Herzanfall." Daraufhin er: "Dann krieg' ich auch einen." Aber wir kamen beide zum Schluss, wir müssen an Bord bleiben. Natürlich hätte ich mir von meinem Vorgänger Zwettler, den ich ja sehr gut kenne, und von Präsident Weninger erwartet, bei meinem Amtsantritt informiert zu werden.

STANDARD: Die haben Sie ganz schön reingelassen. Wollten Sie sie nicht erwürgen?

Nowotny: Es kam zu einer äußerst dramatischen Konfrontation. Zwettler war völlig fertig, schien dann erleichtert zu sein. Weninger war defensiv, nach dem Motto: "Ich wollte Ihnen das immer schon sagen, bin aber nie dazu gekommen." Menschlich tun mir Zwettler und Weninger leid. Aber wer so eine Position mit so viel Verantwortung hat, der muss halt bestimmte Anforderungen erfüllen. Jemand, der mir überhaupt nicht leid tut, ist Elsner. Er hat das aus übersteigertem Egoismus gemacht.

STANDARD: War er ein Nehmer?

Nowotny: Ich will mich keinen Klagen aussetzen. Aber je mehr Einzelheiten ich höre, auch über seine Verhaltensformen im täglichen Umgang, desto zweifelhafter wird seine Reputation. Er ist unglaublich egozentrisch, autoritär und vielfach der Meinung, dass Regeln für ihn nicht gelten – von denen fürs Golfspielen bis zu denen des Bankgeschäfts.

STANDARD: Und warum haben seine Kollegen und Mitarbeiter mitgespielt? Warum hatte niemand die Zivilcourage, das alles auffliegen zu lassen?

Nowotny: Dass sich in der Bank niemand gewehrt hat, kann ich noch verstehen. Weil es nicht so leicht, gegen einen autoritären Chef aufzutreten. Da gehört Mut dazu.

STANDARD: Wenn Vorstandsmitglieder Schweigegelübde ablegen, auf dass der Eigentümer nichts erfährt: Geht es da nicht eher um Dummheit?

Nowotny: Da dürfte die gesamte Atmosphäre eine Rolle gespielt haben. Bei meiner Vorlesung an der Uni über Geld- und Bankpolitik habe ich meinen Studenten in der ersten Stunde gesagt: Zum Bankwesen gehört Wissen und Technik, aber als erstes Charakter. Die großen Fehler in Banken sind immer Charakterfehler. Das ist der Punkt.

STANDARD: Das Bankwesen verdirbt den Charakter?

Nowotny: Natürlich nicht. Aber es ist wichtig, dass man ein Gefühl dafür hat und behält für die Frage, was anständig ist und was nicht. Und das Problem ist die Diktatur des ersten Schrittes: Ein Fehler zieht den nächsten nach sich.

STANDARD: Das gilt wohl auch für den Bawag-Eigentümer? Der ÖGB hat ja überhaupt nie reagiert, und Elsner dann auch noch Pensionsabfindung und Penthouse nachgeworfen.

Nowotny: Nach dem Schock der Verluste 2000 hat man sich in der Hoffnung gewiegt, man könne das richten. Die Haftungsübernahme des ÖGB war richtig: Er hat versucht, sein Eigentum zu schützen.

STANDARD: Und zu vertuschen?

Nowotny: Das Nichtinformieren war falsch und auch, dass man keine personellen Konsequenzen gezogen hat. Statt Elsner rauszuwerfen hat man ihm noch eine zusätzliche Abfertigung gegeben. Das war ein Versagen. Die Frage, warum der Eigentümer Elsner so gewähren ließ, beschäftigt und bedrückt mich sehr. Die haben sich von Elsners weltmännischen Gehabe blenden lassen. Er hat ja überall den Anschein erweckt, er sei großer Weltmann und Bankier.

STANDARD: War er wohl doch nicht. Aber warum hat er nach den Verlusten 1998 Wolfgang Flöttl noch mehr Milliarden gegeben? Wie ist es möglich, dass ein Investmentsystem nur Verluste bringt? Nicht einmal ein Schimpanse könnte dabei ausschließlich verlieren.

Nowotny: Stimmt. Was mich aber noch mehr wundert, ist, dass Flöttl diese systematischen Verluste nur im Geschäft mit der Bawag gemacht hat. Seine Reputation war ja nicht so schlecht, irgendwo muss er ja auch Gewinne gemacht haben.

STANDARD: Ohne Strafrechliches zu unterstellen: Vermuten Sie da Geld-Rückflüsse?

Nowotny: Das kommt einem Experten da in den Kopf. Anhaltspunkte habe ich keine.

STANDARD: Sie haben sich eindeutig auf Elsner eingeschossen. Sie klagen sein Penthouse zurück, zeigen Ihre Ablehnung gegen ihn sehr deutlich. Sehen Sie nur ein System Elsner, oder gab es doch ein System Bawag?

Nowotny: 95 Prozent der Bawag waren grundsolid. Ihr Kreditbuch ist eines der solidesten aller österreichischen Banken. Aber neben dem Normalbetrieb gab es diese kleine Bank in der Bank, von einer Handvoll Leuten geführt.

STANDARD: Zurück zu meiner Frage. Warum Ihre Fokussierung auf Elsner? Empört sein Verhalten Sie als Nachfahren von Privatbankiers besonders?

Nowotny: Ich bin in einer Tradition besonderer Korrektheit aufgewachsen; Habgier und Maßlosigkeit empören mich zutiefst. Aber was mich prägt, ist das, wodurch ich mich von meinen Vorfahren unterscheide: meine sozialdemokratische Gesinnung. Und als Sozialdemokrat habe ich unter all dem sehr gelitten. Dass so etwas passieren konnte! Da stelle ich mir schon Systemfragen.

STANDARD: Ihre Antwort?

Nowotny: Dass man Kontrollen, menschliche Korrektheit stärker gewichten muss. Ich habe als junger Mensch sehr eng mit Bruno Kreisky zusammen gearbeitet; er war immer von einem gewissen Misstrauen gegenüber großen Managern erfüllt. Er hat sich nie imponieren lassen. Das ist gerade für eine Sozialdemokratie sehr wichtig: sich nicht von großen Symbolen imponieren lassen. Die Sozialdemokratie braucht ein völlig entspanntes Verhältnis zu Managern, die eine wichtige Funktion in der Gesellschaft haben. Aber die Sozialdemokratie muss sich ihre Kritikfähigkeit bewahren. Das ist hier nicht geschehen.

STANDARD: Glauben Sie nicht, dass es Ihnen, der aus gutbürgerlichem Haus kommt, oder Kreisky leichter gefallen ist, Distanz zu den "Großen" zu wahren als einem gelernten Installateur Fritz Verzetnitsch?

Nowotny: Aber das hat doch nichts mit der Herkunft zu tun, sondern mit Korrektheit und der Fähigkeit sich nicht blenden zu lassen. Es gibt Leute, die wurden mit silbernen Löffeln gefüttert und wurden höchst anfällig für Übles.

STANDARD: Zum Üblen: Glauben Sie, dass jemand ins Gefängnis kommt?

Nowotny: Würde mich nicht wundern.

STANDARD: Würden Sie jemanden besuchen?

Nowotny: Wüsste nicht, warum.

STANDARD: Wir waren im vorigen Herbst bei der Eröffnung der Bawag-Repräsentanz in Tripols. Was hätten Sie gesagt, wenn man aufgezählt hätte, was neun Monate später Realität ist: Staatsgarantie, ÖGB fast pleite, Sie Bawag-Chef..

Nowotny: Abgesehen vom letzten Aspekt: "Ein Albtraum." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2.7.2006)

Mehr zum Thema

Dossier Bawag
  • Bawag-Chef Ewald Nowotny ist heute weiser als vor einem Jahr: Die Gewerkschaft soll sich keine große Bank halten.
    foto: standard/regine hendrich

    Bawag-Chef Ewald Nowotny ist heute weiser als vor einem Jahr: Die Gewerkschaft soll sich keine große Bank halten.

Share if you care.