Bahn fährt bald ohne Goldmann

6. Juli 2006, 19:28
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Die Tage der ÖBB-Nahverkehrschefin sind gezählt. Man wirft ihr Vertrauensunwürdigkeit vor und will sie vorzeitig ablösen

Wien – Indizien für eine vorzeitige Ablöse gibt es seit Monaten, jetzt scheint es fix zu sein: Wilhelmine Goldmann wird als Vorstandsdirektorin der ÖBB-Personenverkehr AG vorzeitig ausscheiden.

Laut Informationen aus hohen ÖBB-Kreisen führt ÖBB-Chef Martin Huber mit Goldmann bereits Verhandlungen über eine einvernehmliche Auflösung ihres seit Mai 2005 laufenden Vorstandsvertrages. Über die Gründe dafür schweigt man in der Bahn unter Hinweis auf ein Stillhalteabkommen, das für die Dauer der Verhandlungen gelte.

Allzu gute Karten dürfte Goldmann dabei freilich nicht haben, denn die ÖBB wirft der Personenverkehr-Chefin "Vertrauensverwirkung" vor. Goldmann habe ÖBB-Beriebsmittel zweckwidrig für ihren Verein "Opernwerkstatt" verwendet, weshalb der Verdacht auf Untreue bestehe – laut Angestelltengesetz ein Entlassungsgrund, zumindest für "Vertrauensunwürdigkeit".

Lange Liste

Die Liste der Verfehlungen, die man der ehemaligen Postbus-Chefin anlastet, ist zwölf Seiten lang und von der Kanzlei Reich-Rohrwig Hainz verfasst. Goldmann habe mindestens eine ÖBB-Mitarbeiterin während der Dienstzeit mit administrativen Tätigkeiten für die "Opernwerkstatt" beschäftigt und dabei Telefon, Kopierer, Fax, Briefporto der Bahn missbraucht, heißt es in dem Papier, das dem STANDARD vorliegt.

In ihrer Stellungnahme (die "im Wesentlichen auf Aussagen von drei Mitarbeitern" basiert, Goldmann wurde nicht befragt, Anm.) empfiehlt die Kanzlei der ÖBB, Goldmann in einer Hauptversammlung das Misstrauen auszusprechen und sie aus ihrer Vorstandsfunktion vorzeitig zu entlassen.

Dazu dürfte es wohl nicht kommen, man strebt eine "Einvernehmliche" an. Während man in der ÖBB-Holding keinen Kommentar abgeben wollte, bezeichnet Goldmann die Vorwürfe absurd und lächerlich. Im Gegenteil, durch ihre kulturelle Aktivität mache sie kostenlos Werbung für die ÖBB, weil jedermann wisse, dass sie Vorstand der ÖBB-Personenverkehr AG sei - auch, wenn sie Cello spiele. Der Werbewert für die ÖBB sei unschätzbar hoch und daher unbezahlbar. Damit trage sie wesentlich zur Steigerung des Marken- und Unternehmenswerts bei. Das Werbebudget der ÖBB habe sie bewusst nicht in Anspruch genommen, weil "ich das für unvereinbar halte". Im Übrigen sei ÖBB-Holding-Chef Martin Huber seit April 2005 über ihr Engagement als Amateurmusikerin bei der Opernwerkstatt informiert. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2.7.2006)

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