Verlorene Seelen

1. Juli 2006, 10:49
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Burnout ist ein Krankheitsmodell, in dem sich immer mehr wiederfinden, ein umstrittenes Forschungsfeld und ein Wachstumsmarkt

Gehen Sie mit Widerwillen an die Arbeit? Reagieren Sie auf nichtige Anlässe gereizt? Sind Ihnen Ihre Kollegen und Kunden gleichgültig geworden? Fühlen Sie sich kraftlos und erschöpft? Stecken Sie in einer Krise, aus der Sie keinen Ausweg finden? Millionen Berufstätige haben solche Fragebögen ausgefüllt. Einfach nur für sich selbst oder für Studien, die oft weniger der Forschung dienen, als Betroffene keilen. Mitgeteilt werden dann oft erschütternd hohe Prozentsätze von Menschen, die "innerlich gekündigt" haben oder den Stress am Arbeitsplatz nicht mehr bewältigen.

Seriöse Arbeitsmediziner gehen davon aus, dass zwischen sieben und neun Prozent der Berufstätigen von Burnout gefährdet sind. Wie viele tatsächlich durch eine fatale Kombination aus überzogener Erwartung, hoher Belastung und unerfülltem Einsatz ihre Arbeitsfähigkeit einbüßen, sei es vorübergehend oder dauerhaft, wird aber nirgends erfasst. Medizinisch gilt Burnout nämlich höchstens als Nebendiagnose, und hier zu Lande nicht einmal das.

Die gesellschaftliche Anerkennung des diffusen Erschöpfungssyndroms variiert zwischen Ländern und Branchen. "In Sozial- und Gesundheitsberufen haben eigene Erfahrungen mit Burnout früher quasi zum guten Ton gehört", weiß der Hamburger Psychologe Matthias Burisch. In den USA habe das Thema schon um 1980 Furore gemacht, in den deutschen Medien werde es seit etwa 1990 "alle achtzehn Monate aufgewärmt".

Das B-Wort wird gern vermieden

Alles deutete auf Burnout, so Burisch, als der vereinzelt schon zum nächsten deutschen Kanzler hochgejubelte Matthias Platzeck im März überraschend den SPD-Vorsitz räumte. Doch das B-Wort wurde von dem überarbeiteten Politiker und seiner Partei tunlichst vermieden. Vielleicht auch, weil die deutsche Boulevardpresse den Fußballer Sebastian Deisler und den Skispringer Sven Hannawald nach deren Burnout-Outing wochenlang durch den Kakao gezogen hatte.

Eine Überraschung erlebte Burisch zu Jahresbeginn als Studiogast des "Radiodoktor" in Wien: "Einer der moderierenden Ärzte und auch einige Anrufer waren verblüfft, dass es so etwas wie Burnout überhaupt gibt." In der österreichischen Personalerszene sei das Problem dagegen so abgelutscht, dass viele müde abwinken, berichtet der Grazer Arbeitspsychologe Paul Jimenez. Angesichts des steigenden Kostendrucks seien wenige Firmen bereit, ernsthaft in Burnout-Prophylaxe zu investieren. Zumal Berater allzu offensichtlich das Blaue vom Himmel versprechen.

Krankenstand aufgrund psychischer Ursachen hat sich seit 1991 verdoppelt

Einiges spricht dafür, dass Stressbelastung und Burnout in Österreich zunehmen, doch die Statistiken geben nur Indizien her. Dass sich der Krankenstand aufgrund psychischer Ursachen seit 1991 verdoppelt hat, liegt auch daran, dass der Gang zum Psychiater nicht mehr so stigmatisiert ist wie früher. Das Anwachsen der Frühpensionierungen wegen psychischer Erkrankungen von 3288 im Jahr 1995 auf 6960 im Jahr 2005 ist auch damit zu erklären, dass in der Zwischenzeit andere Wege in den Vorruhestand erschwert worden sind. Zwei Trends lassen sich den Zahlen aber entnehmen: Psychische Erkrankungen sind heute die klare Ursache Nummer eins für die vorzeitigen Pensionierung von Angestellten und von Frauen – bei ihnen liegt der Anteil nahezu doppelt so hoch wie bei Männern.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind in der Burnout-Forschung allerdings bislang kaum ausgeleuchtet. Als ihre Geburtsstunde gilt der 1974 im Journal of Social Issues erschienene Aufsatz "Staff burn-out" des Psychoanalytikers Herbert Freudenberger. Das Syndrom ist freilich älter. Ludwig Wittgenstein, der sich mit hohem Engagement als Landlehrer versuchte und nach sechs Jahren verbittert und entnervt aufgab, bei ihm würde heute Burnout diagnostiziert werden.

Auch die Literatur kennt ihre prominenten Fälle

Auch die Literatur kennt ihre prominenten Fälle mit Senator Thomas Buddenbrook in der Familiensaga von Thomas Mann, der Titelfigur in Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden oder dem frustrierten Architekten, der sich in Graham Greenes Erzählung A burnt-out case nach Afrika einschifft, um dort zu sterben. Wer will, wird sogar im Alten Testament fündig in der Schilderung des Propheten Elias, der "beim ersten Anzeichen einer drohenden Niederlage in tiefe Verzweiflung stürzt, den Tod herbeiwünscht und in einen tiefen Schlaf verfällt". Einen Vorläufer hat Burnout in der Neurasthenie. Auf Vortragstourneen quer durch Europa verbreitete der New Yorker Arzt George Beard im späten 19. Jahrhundert das von ihm erfundene Leiden, das er als Hightech-Mediziner der ersten Stunde mit Stromstößen behandelte. Die angeblich selbst durch Reizüberflutung verursachte Modekrankheit verschaffte vielen Wohlhabenden eine gesellschaftlich akzeptierte Auszeit im Sanatorium.

Psychokliniken boomen

Nicht zuletzt dank Burnout boomen heute in Deutschland privat geführte Psychokliniken. Andreas Hillert, der in Prien am Chiemsee auch häufig Österreicher therapiert, versteht Burnout als "Krankheitsmodell, in dem man sich leichter wiederfinden kann, als wenn es heißt: Depression." Für problematisch hält der deutsche Psychiater aber das dahinter stehende Bild, die Batterie sei leer und man müsse sie nur aufladen, um wieder einsatzfähig zu sein, statt den Arbeitsdruck und die Ansprüche an sich selbst herunterzuschrauben.

Seelenverlust und Selbstheilungskräfte

Die Ulmer Kulturanthropologin Ina Rösing weist darauf hin, dass Burnout nicht nur in der postmodernen Arbeitswelt vorkommt, sondern etwa auch in den Anden. Die Ursachen sind dort andere, die Symptome aber ähnlich. Seelenverlust nennen es die Indios, und das ist eine legitime Krankheit. Der Kranke wird für eine Woche von allen Pflichten entbunden, von der Familie umsorgt, es werden Gebete gesprochen, und jede Nacht ist der Medizinmann da. "Es wird alles getan, um die Atmosphäre zu schaffen, in der sich Selbstheilungskräfte entfalten können", so Rösing, "aber auf BurnoutKongressen kommen Selbstheilungskräfte gar nicht vor.

Knopf A drücken oder Faktor B ändern

"Es geht nur darum, in welchen Fällen man Knopf A drückt oder Faktor B ändert." Die einschlägige Forschung empfindet Rösing als "verengt und ideenlos". Ins gleiche Horn stößt Matthias Burisch, der die anhaltende Dominanz von Fragebogenstudien anprangert. Immerhin sind einige Glaubenssätze der frühen Forschung widerlegt: Es sind nicht per se Idealisten, die zum Ausbrennen neigen, sondern Menschen, die unrealistische Erwartungen hegen. Es trifft auch längst nicht mehr am stärksten die helfenden Berufe.

Bei gemeinnützigen Pflege- und Hilfseinrichtungen in Österreich hat Paul Jimenez sogar ein verringertes Burn-out-Risiko ermittelt, "weil das Problembewusstsein vorhanden ist", Lehrer und Manager werden zwar oft genannt, seien aber nur durchschnittlich betroffen, weil sie ihren Druck durch Handlungs- und Entscheidungsspielräume ausgleichen können. Unter Sinnverlust an der Arbeit leiden öfter als erwartet Arbeiter und Teilzeitkräfte. Die bislang höchsten Frustwerte aber maß Jimenez 2002 bei Grazer Polizisten. (DER STANDARD, Printausgabe vom 1./2.7.2006)

Von Stefan Löffler

Buchtipps

Matthias Burisch
"Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung"
Springer 2006

A. Hillert, M. Marwitz
"Die Burnout-Epidemie".
C.H. Beck, 2006.

Ina Rösing: "Ist die Burnout-Forschung ausgebrannt?" Asanger, 2003.

swissburnout.ch
  • Matthias Burisch, "Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung"
    buchcover

    Matthias Burisch, "Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung"

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