"Man braucht ein Hobby"

1. Juli 2006, 10:32
12 Postings

Unternehmen und Burnout. IBM-Personalchef Johann Hainzl über Prävention, Reputation und korrektes Verhalten

STANDARD: Das Profil des Burnout ist unscharf. Wie stellt es sich für Sie als Personalchef dar?

Hainzl: Es ist ein Zusammenspiel vieler Faktoren – beruflicher wie privater. Wir wissen inzwischen, wie mit Burnout umzugehen ist. Aber wirklich erforscht ist es noch nicht.

STANDARD: Würden Sie der Definition "seelischer Infarkt" zustimmen?

Hainzl: Damit kann ich mich nicht anfreunden. Es ist überhaupt eine Inflation der Diagnose zu beobachten. Burnout wird zum Modebegriff. Man ist auf einmal ausgebrannt, wo man eigentlich nur abgespannt und müde wäre. Nach ein oder zwei Wochen Extremstress kann von Burnout sicher nicht die Rede sein. Es beginnt, wenn Schlafstörungen dazu kommen, und sich das Verhalten gegenüber Mitarbeitern und der Familie verändert. Letztendlich ist ärztliche Hilfe wichtig – ohne die kommt man nicht aus dem Burnout raus.

STANDARD: Wie geht Ihr Unternehmen mit dieser Thematik um?

Hainzl: Es geht uns vor allem um Prävention. Die gesellschaftliche Entwicklung begünstigt bestimmte Indikatoren; der private und wirtschaftliche Druck auf den Einzelnen wird größer. Wichtig ist, dem Mitarbeiter Anerkennung entgegen zu bringen. Unsere Abteilungsleiter absolvieren Kurse, wie man die ersten Anzeichen erkennt. Die Work-Life-Balance ist sicher ein bedeutender Aspekt. Früher hieß das: Man braucht ein Hobby. Was Unternehmen tun können, beginnt etwa bei der Gleitzeit oder der Möglichkeit von Teilzeitarbeit. Vorstellbar sind auch Home- office-Angebote: Wenn jemand Familie hat, kann er nachmittags die Kinder von der Schule abholen, und abends von daheim aus weiter arbeiten. Das kommt vielen entgegen. Auch eine gute Urlaubsplanung ist notwendig. Das sind kleine Schritte, die helfen, die Batterie aufzuladen.

STANDARD: Schulen Sie Ihre Mitarbeiter, die in Führungspositionen sind?

Hainzl: Wir legen die Latte sehr hoch, unsere Manager müssen über eine entsprechende Menschenkenntnis verfügen. Das muss nicht immer Burnout betreffen – auch Eheprobleme etc. lösen ein Bedürfnis nach Hilfe aus. Es geht darum, keine Scheuklappen zu tragen. Probleme sollen angesprochen und nicht negiert werden. Gleichzeitig ist Abstand zu wahren: Es geht nicht um Mitleid, sondern darum, als Kollege und Vorgesetzter korrekt zu handeln. Wichtig ist die Früherkennung – wenn sich jemand zurückzieht, bei gemeinsamen Aktivitäten nicht mehr dabei ist, nicht über seinen Urlaub spricht oder gar nicht auf Urlaub geht. Wir bieten den Mitarbeitern auch an, sich an das externe "Employee, MitarbeiterInnen- und Familienservice" zu wenden – vollkommen anonym und kostenlos. Es gibt keinen Informationsrückfluss, wir wissen nicht einmal, wer das in Anspruch nimmt.

STANDARD: Das machen Sie nicht ganz selbstlos. In welchen Dimensionen bewegt sich der wirtschaftliche Schaden von Burnout?

Hainzl: Bei uns fällt er nicht ins Gewicht, da wir Fehlentwicklungen abfangen. Ein verantwortungsvolles Unternehmen weiß, dass gesunde Mitarbeiter sein wichtigstes Gut sind. Ich bin dafür, das in der Firma und nicht arbeitsrechtlich zu regeln. Das Unternehmensklima ist auch eine Maßzahl für die Beurteilung von außen – wenn Mitarbeiter krank sind, leidet nicht nur die Reputation des Betriebs.

STANDARD: Sind bestimmte Mitarbeiter-Gruppen im Unternehmen besonders gefährdet?

Hainzl: Nein, im Gegenteil: Keiner ist gefeit. Und wenn Unternehmen keine Präventionsmaßnahmen treffen, wird es in Zukunft noch ein größeres Problem mit Burnout geben.

STANDARD: Was sagen Sie zu: Burnout als Chance? Viele Opfer richten ihr Leben neu aus: Sie werden bescheidener, um mehr Lebensqualität zu gewinnen.

Hainzl: Das wäre schon eine harte Schule, um drauf zu kommen, dass man sich neu orientieren muss. Die Frage nach dem "richtigen" Leben muss sowieso immer im Raum stehen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 1./2.7.2006)

Von
Bernhard Madlener
Share if you care.