Robert Gernhardt 1937-2006

7. Juli 2006, 12:57
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Er hat uns mit dem un­gehemmten Treiben des Kragenbären versöhnt - und der deutschen Dichtkunst als Satiriker, Kompilator und Zeichner das Geschenk der Leichtigkeit verliehen

Frankfurt/Main - Lobt man Robert Gernhardts satirische Dichtungen für ihren sittlichen Gehalt, so gerät man unbedingt in Gefahr, ihre Liebe auch zu vernachlässigteren Geschöpfen zu übersehen: zu den Stiefkindern einer - nehmt alles nur in allem! - nachlässig verwalteten Welt.

Da wäre, ehe man noch über Funktion und Gehalt von Satire nachdenkt, einmal der notorische "Kragenbär" zu nennen, der in einem berühmten Bildgedicht sich diskret-verschämt an sich selbst zu schaffen macht (er "holt sich munter . . ."). Der Nacken schwillt ihm: Alles, was der Kragenbär an Kraft aufzuwenden imstande ist, steht im Dienst einer kolossalen Mühewaltung.

Auf der dritten Station drei der sechsteiligen Bildfolge wirft er sogar einen koketten Blick zurück auf den staunenden Betrachter, der, über die Wirkungsmacht von Reimwörtern wie "munter" und "runter" belehrt, auch noch folgende Gewinn bringende Einsicht davonträgt: Die Erzeugung von Leichtigkeit setzt eine geradezu tollkühne Anstrengung voraus. Nichts verbürgt das Gelingen, außer die Gewissheit, immer wieder von vorne anfangen zu müssen. Gernhardt, Sohn eines Richters aus Estland, der bei Kriegsende eine Aussiedlungsodyssee erlebte, die ihn nach Göttingen, schließlich nach Berlin und dauerhaft nach Frankfurt verschlug, brachte sein künstlerisches Credo auf folgenden Begriff: "Als ich zu dichten begann, Anfang der 60er, war das Gedicht eine relativ kurze reimlose Mitteilung . . ." Silbenstämme wurden möglichst Platz schonend auf leeren Seiten verteilt. Kein Reim, nirgends.

Gernhardt, der dichtende Maler-Zeichner, griff in der wahnwitzigen Satireschmiede von pardon. der deutschen satirischen monatsschrift anno '64/65 auf den Reim zurück: "Ich brauchte die Regel, solange ich auf Komik oder Nonsens aus war." Eine Regel wirft man nicht aus Denkfaulheit auf den Kompost, man schätzt sie wegen ihrer Modellierbarkeit: "Weil sie beides ist, Widerstand und Wegweiser: Da geht's lang, nicht aufgeben, hier musst du durch." Der "staatlich geprüfte Kunsterzieher" Gernhardt wird von nun an dem neu entstandenen Pool der "Neuen Frankfurter Schule" zugeschlagen: der Gruppe um Chlodwig Poth, Hans Traxler, F. W. Bernstein, F. K. Waechter et cetera. Der Erzähler Eckhard Henscheid beschreibt Gernhardts Frankfurter Stellung in dem Milieuroman Die Vollidioten wie folgt: "Herr Gernhardt ist ein reifer Mann, der in unserer Stadt gewissen unterschiedlichen Tätigkeiten nachgeht . . . Herr Gernhardt gilt überhaupt als der vielleicht Klügste von uns." 1979 wurde das Satiremagazin Titanic von ihm mitbegründet.

Gernhardt aber schwamm sich frei. Verließ pardon, gab aber gemeinsam mit Bernstein und Waechter die Welt im Spiegel heraus. Die "unabhängige Zeitung für eine saubere Welt" verblüffte mit Verletzungen des Massengeschmacks - man berichtete aus "Hinz und Kunst", aus "Brauch und Tum", aus "Spurt und Sport". In loser Folge entstanden Werbetexte ("Ford M 17 - Trinker der Winde"), und ein gewisser Otto Waalkes stellte sich als Witzkunde ein. Nur war es für Gernhardt mit der Verfertigung höheren Blödsinns allein halt auch nie getan. Man nehme bloß jenes berühmte Sonett her, das unter penibelster Einhaltung aller einschlägigen Verfahrensregeln den Jüngern Petrarcas eine lange Nase dreht: "Sonette find ich sowas von beschissen,/ so eng, rigide, irgendwie nicht gut;/ es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,/ dass wer Sonette schreibt. Dass wer den Mut// hat, heut noch so'n dumpfen Scheiß zu bauen; (...)".

Daneben: das ehrliche Mitfühlen nicht nur mit allen Geschöpfen, sondern gleich auch mit den überkommenen (Dichtungs-)Formen, in denen alle gefangen sitzen wie Fliegen im, nun ja, Bernstein: "Ich weiß nicht, was ich bin./ Ich schreibe das gleich hin./ Da hab'n wir den Salat:/ Ich bin ein Literat."

Funken der Rührung

Dass man aus der Anstrengungslosigkeit der Gelegenheitsdichtung echte Funken der Rührung schlägt - Gernhardt bewies es mit einem allseitig anschwellenden Oeuvre aus Gedichten, Parodien, Erzählungen, Gebrauchstexten, Pointen und Skizzen. Er erfand auf den Spuren Morgensterns Tierarten wie den "Ansaugpanther" und den "Polyphemhasen". Er probierte sich, von ernsten Gesundheitsproblemen heimgesucht, als Chronist des landläufigen Menschenelends (Lichte Gedichte), war Präparator aussterbender Dichtungsgattungen und polyglott gebildeter Erzieher zur Bescheidenheit. Denn, wie es in dem Gedicht Auch eine Ästhetik heißt: "Will nicht das Gedicht vorwärtsbringen./ Denke immer, es solle mir weiterhelfen./ Frage mich, wo vorn und hinten ist bei Gedichten./ Weiß nur, dass sie Anfang und Ende haben."

Jetzt ist Robert Gernhardt an den Folgen einer Krebserkrankung 68-jährig gestorben. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.7.2006)

Von Ronald Pohl


Zitate
von Robert Gernhardt
  • Wie man die Mitgeschöpfe der Menschen zuvor-kommend behandelt: Der Satiriker und Autor Robert Gernhardt hält Exerzitien ab in der Frankfurter Dichter- 
klause.
    foto: sven paustian

    Wie man die Mitgeschöpfe der Menschen zuvor-kommend behandelt: Der Satiriker und Autor Robert Gernhardt hält Exerzitien ab in der Frankfurter Dichter- klause.

  • Afrika, lichter Erdteil: Gernhardt auf Livingstones Spuren.
    foto: büchergilde gutenberg

    Afrika, lichter Erdteil: Gernhardt auf Livingstones Spuren.

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