"Tunnel ohne Zulauf unnütz"

21. Juli 2006, 16:03
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Beim Spatenstich warnte der Bundeskanzler vor Erwartungen, dass durch den Tunnel der Verkehr auf der Straße verschwinde

"Von Grund auf wühlt er ganze Berge um." Im Buch Hiob fand der Abt von Wilten, Raimund Schreyer, passende Stellen vor der Segnung des geplanten Megaprojektes – je nach Sichtweise der zweitgrößte oder, zählt man die Umfahrung Innsbruck hinzu, größte Bahntunnel der Welt. Per Satellitenübertragung waren im Festzelt am Brenner jene beiden Orte in Innsbruck und Aicha/Südtirol zu sehen, in denen mit dem Bau des Probestollens zum Brennertunnel (BBT) begonnen werden soll – in einem halben Jahr. Noch fehlen Bescheide.

"Weichen stellen"

Dennoch gab es bereits am Freitag, wenige Stunden vor dem Ende der österreichischen EU-Präsidentschaft, einen Festakt zum Baustart: „Ja, ich habe gedrängt, dass wir diesen 30. Juni noch halten“, reagierte EU-Ratspräsident Wolfgang Schüssel lächelnd auf Vorabkritik an der Inszenierung. „Wir stellen hier Weichen für die nächsten hundert Jahre“, so der Kanzler.

Italien unterstützt Alpenkonvention

Die angekündigte Regierungsspitze Italiens – Ministerpräsident Romano Prodi mit zwei Ministern – war wegen innenpolitischer Verpflichtungen nicht erschienen. Italien war durch den Vizeminister für Verkehr, Cesare de Piccoli, vertreten, der eine wichtige verkehrspolitische Ankündigung machte: „Wir sind für eine Unterzeichnung des Verkehrsprotokolls der Alpenkonvention durch die EU“, sagte de Piccoli, nachdem er um Verständnis gebeten hatte, „dass wir als neue Regierung beim letzten EU-Verkehrsministerrat Bedenkzeit erbeten haben“. Italien werde sich in den nächsten Monaten um die Unterzeichnung der Konvention bemühen, das den Bau neuer alpenquerender Straßen untersagt und zur Reduktion von Schadstoffen und Kostenwahrheit bei der Lkw-Maut verpflichtet.

„Wir müssen ehrlich sein“, meinte Schüssel, und nannte drei Punkte: „Das Projekt kostet etwas. Und es wird entweder durch die Steuerzahler oder auch durch „die Mautbenützer finanziert“. Zweitens sei es „unseriös zu versprechen, dass durch den Tunnel der Verkehr auf der Straße verschwindet“. Ziel sei es, „wenigstens den enormen Zuwachs wegzubekommen“, zumal sich das Lkw-Aufkommen am Brenner „in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt“ habe. Drittens dürfe es kein Inselprojekt bleiben. „Es müssen auch die Zulaufstrecken gebaut werden, in Italien und in Deutschland.“ Jene im Süden werden mit rund acht Milliarden Euro annähernd gleich teuer geschätzt wie der Tunnel selbst. „Ohne Zulauf wäre der Tunnel unnütz“, sagte der Trentiner Landeshauptmann Lorenzo Dellai.

Die grüne EU-Abgeordnete Eva Lichtenberger sprach gestern von der „gigantischsten Fehlinvestition aller Zeiten im Alpenraum“. Eine billigere Alternative sei die Modernisierung der bestehenden Bahn. (Benedikt Sauer, DER STANDARD Printausgabe, 01./02.07.2006)

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    Wichtige Etappe für die Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene? Nicht alle sind überzeugt.

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