"Sugar": Kindergerechtes User Interface für den 100-Dollar-Laptop

2. Jänner 2007, 08:47
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Nach dem 100-Dollar folgt der 50-Dollar-Laptop - Jim Gettys vom One Laptop per Child-Projekt verrät im Gespräch mit dem WebStandard weitere Details und Hintergründe

In einer Keynote im Rahmen der derzeit im spanischen Vilanova i la Geltrú stattfindenden GUADEC-Konferenz rund um den GNOME-Desktop hat Jim Gettys vom One Laptop per Child Project (OLPC) weitere Details zu dem als "100-Dollar-Laptop" bekannten Unterfangen verraten. Nachdem die Hardware-Eckdaten des Laptops, der in Millionenenauflagen Kindern in ärmen Regionen der Welt Bildung bringen soll, schon unlängst bekannt gegeben wurden, ist dabei vor allem die Softwareseite von Interesse.

Sugar

So soll in Zusammenarbeit mit Red Hat unter dem Namen "Sugar" ein eigenes grafisches User Interface auf einer Linux / GNOME-Basis für den OLPC entwickelt werden. Dieses soll vor allem auf Kinder, die noch nicht lesen können, ausgerichtet sein. In Test habe sich gezeigt, dass diese mit klassischen GUIs nichts anfangen können. Darum soll das Ganze möglichst einfach und klar gehalten werden.

Kollaboration

Von Anfang an soll dabei die Zusammenarbeit im Vordergrund stehen, schließlich würden Kinder zu aller erst auch von anderen Kindern lernen, diesen Umstand wolle man aktiv fördern. "Sugar" soll auf Tabs statt Fenster als zentrales Element setzen, Fenster gingen einfach zu leicht verloren, so Gettys. Auch habe dies einen weiteren Vorteil: Tabs helfen Speicher zu sparen, da verdeckte Inhalte nicht im Speicher gehalten werden müssen.

Chat

Die Umgebung des OLPC soll ganz auf die Kommunikation der Kinder miteinander ausgerichtet werden, so soll es möglich sein, gemeinsam über einzelne Webpages zu chatten. Auch können Webseiten mit anderen "gesharet" - also den anderen gezeigt - werden, im Interface wird das dann farbkodiert angezeigt. Die derzeitige Farbwahl ist übrigens noch nicht fix, es handelt sich bei "Sugar" ja schließlich erst um einen Prototypen.

Abspecken

Für das Browsen im Web will man ein eigenes Interface auf Basis der Gecko Rendering Engine verwenden, zumindest wenn es gelingt diese abzuspecken, wie Gettys m Interview mit dem WebStandard präzisiert: "Die Mozilla-Entwickler arbeiten derzeit an einer Reihe von Optimierungen, die den Speicher- und Leistungshunger der Engine verringern sollten. Wenn dies nicht gelingt haben wir aber Alternativen, auf die wir setzen können."

Anforderungen

Überhaupt seien dank der vorhandenen Auswahl die Grundlagen auf die Aufnahme einer Applikation in das Angebot des OLPC recht einfach: Wer nicht schlank genug ist, bleibt draußen. So sei etwa OpenOffice für den 100-Dollar-Laptop einfach nicht brauchbar, statt dessen versucht man Abiword und Gnumeric für die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Zum Verfassen von Texten setzt man primär aber auf andere Ideen, einfach zu bediende WYSIWYG-Wikis sollen die Kinder zum Publizieren verleiten.

Toolkit

Warum man bei so eingeschränkten Rahmenbedingungen - das Gerät soll im Schnitt nur 0,5 bis 1,5 Watt verbrauchen, da es auch für Gegenden ohne Stromversorgung konzipiert ist und dort mechanisch wieder mit "Saft" versorgt werden muss - nicht auf ein schlankeres Toolkit gesetzt hat, ist vor allem den Fähigkeiten von GTK+ im Bereich der Lokalisierung zu verdanken. Immerhin soll das Ganze für eine ganze Reihe von unterschiedlichst strukturierten Sprachen zum Einsatz kommen, da sei eine solche Funktionalität essentiell.

Simpel

Natürlich hätte man dann auch QT / KDE nehmen können, allerdings sei das GNOME-Projekt nach Einschätzung von Gettys stärker darauf bedacht, die UserInnen-Erfahrung möglichst simpel zu gestalten - etwas, dass gerade beim OLPC entscheidend ist. Der KDE bietet statt dessen mehr Flexibilität in der Konfiguration, etwas das vor allem EntwicklerInnen und Power-UserInnen zu schätzen wissen, für das eigene Unterfangen aber irrelevant sei.

Forderungen

Für Linux als Betriebssystem hat man sich aus mehreren Gründen entschieden, dabei hätten sowohl technische als auch strategische Überlegungen eine Rolle gespielt. So hätten etwa einige der am Projekt beteiligten Staaten offen den Wunsch nach einer Verwendung des freien Betriebssystems geäußert, dies nicht nur aus ideologischen sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen: Linux soll dabei helfen, eine lokale IT-Industrie aufzubauen. Auch aus technischer Perspektive hat Linux eine Reihe von Vorteilen, so wäre es bei Windows - selbst wenn man Zugriff auf den Source Code hätte - schwierig es ähnlich zu verschlanken, da die einzelnen Komponenten zu stark mit einander verwoben ist.

Coden

Ein weiter wichtiger Grund ist, dass man möchte, dass die Kinder etwas lernen, dazu gehört auch sich bereits früh in der Erweiterung des Source Codes versuchen zu können. Um dies zu erleichtern, sollen die eigens für den OLPC entwickelten Lernprogramme in Python entwickelt werden. Zusätzlich sollen auch noch Logo - wegen der leichten Erlernbarkeit - und Javascript zum Einstieg in die Programmierwelt für die Kinder zur Verfügung stehen.

Die Basis des Systems soll eine modifizierte Version des kommenden Fedora Core 6, basierend auf dem Linux Kernel 2.6, bilden. Die Veränderungen betreffen im großen und ganzen Optimierungen, die den Einsatz auf dem OLPC - und dessen beschränkten Ressourcen - überhaupt erst möglich machen. So wird etwa beim Power Management, dem Grafiktreiber und beim Wireless Subsystems des Kernels noch nachgebessert.

Allseitiges Interesse

Verbesserungsbedarf gibt es auch noch bei den Basistechnologien der GNOME-Plattform, die beim OLPC zum Einsatz kommen, also etwas die Widget Library gtk+, die Textrendering-Library Pango und die Grafikbibliothek Cairo. In diesem Zusammenhang nutzte Gettys die Keynote um die versammelten EntwicklerInnen zur Zusammenarbeit aufzufordern, schließlich würden alle Seiten davon profitieren. 90 Prozent der Optimierungen würden sich auch positiv auf den "normalen" Free Desktop auswirken.

Probleme

Der bereits zuvor erwähnte Bereich der Lokalisierung ist übrigens einer, der dem Team einige Kopfzerbrechen bereitet: Die Art und Weise, wie derzeit im GNOME alle Lokalisierungen zentral gebaut und in einem Paket verteilt werden, skaliert schlicht nicht, so Gettys. Während dies schon bei den für das erste Jahr erwarteten offiziell unterstützten 20 Übersetzungen erheblich zur Paketgröße beitrage, stimmen die Verhältnisse bei noch mehr Sprachen endgültig nicht mehr. Man dürfe in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass Optimierung in diesem Kontext auch heiße, möglichst wenig Daten über das Netzwerk zu verschicken.

Tests

Vor kurzem hat man die ersten Testboards produziert, 485 Prototypen wurden vom Hersteller Quanta an die EntwicklerInnen übergeben. Dieser Serie A soll Ende Sommer eine Serie B mit höherer Auflage folgen. Der eingesetzte Bildschirm, der sowohl in einem Farbmodus als auch in Schwarz-Weiß betrieben werden kann - zweiteres ist wegen der Verwendung unter starkem Sonnenlicht unumgänglich - soll Ende August fertig sein. Die richtige Testphase beginnt dann ab Oktober, ab Jänner 2007 geht es in die Test-Herstellung, ab März in die volle Produktion.

50-Dollar-Laptop

Auch für die weitere Zukunft hat Gettys bereits Pläne, Ziel sei es keineswegs bei den viel zitierten 100 Dollar - die man übrigens erst für 2008 anvisiert, zuvor sollen der OLPC rund 130 US-Dollar kosten - stehen zu bleiben. "Wenn wir einmal so weit sind, dann widmen wir uns der nächsten Aufgabe - der Schaffung des 50 Dollar-Laptops", zeigt sich der OLPC-Entwickler erfolgssicher. (apo)

Andreas Proschofsky berichtet aus Vilanova i la Geltrú

Links

GUADEC

One Laptop per Child Project

Red Hat

"Sugar"

Nachlese

So wird der "100-Dollar- Laptop"

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