Produktion wird geschlossen, Marke bleibt

26. Juli 2006, 15:21
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Mit der Schließung der Produktion im steirischen Friedberg endet ein Kapitel österreichischer Industriegeschichte. Bugholzmöbel werden künftig aus Asien zugekauft

Thonet sperrt die Produktion in Österreich zu, definitiv. Heute, Freitag, werden die letzten Bughölzer zusammengeschraubt, die letzten Stühle zum Versand gebracht. Dann ist endgültig Schluss mit der Möbelproduktion im steirischen Friedberg. "Wir speren zu, weil es sich für uns nicht mehr rechnet", sagte Thonet-Geschäftsführer Giovanni del Vecchio dem Standard (siehe Interview).

Vor 43 Jahren, als Thonet im Bezirk Hartberg mit der Produktion von Bugholzmöbeln begonnen hat, war die Welt noch eine andere. Globalisierung war ein Fremdwort, Ikea ebenso. Inzwischen kommen billige Thonet-Imitate aus Asien und in vielen Haushalten hat sich der schwedische Möbelriese breit gemacht.

"Ein Stück heimischer Industriegeschichte geht zu Ende", resümmierte Margareta Batzelt vom Institut für Holzwirtschaft der Universität für Bodenkultur in Wien. Das sei einerseits schade, weil Thonet die Bugholztechnik erfunden und zum Blühen gebracht hat. Andererseits sei auch klar, dass dich der Zeitgeschmack geändert habe. "Was früher der Stuhl Nummer 14 war, ist heute das Billy-Regal von Ikea", sagte Batzelt im Gespräch mit dem Standard. Bugholz herzustellen sei "ein sehr aufwändiger Prozess", da sei "sehr viel Handarbeit"dabei.

Zu Metternichs Zeiten

Michael Thonet, der Begründer der gleichnamigen Möbeldynastie, wurde 1842 vom damaligen Kanzler Metternich nach Wien geholt. 1857 eröffnete Thonet im mährischen Koritschan die erste Fabrik. Zwei Jahre später wurde dort erstmals der Sessel Nr. 14 produziert. Nicht nur in Kaffeehäusern, auch in Privathaushalten fand der Stuhl Einzug. Er wurde bisher rund 50 Millionen Mal verkauft. Seit 2001 hat die italienische Möbelgruppe Poltrona Frau das Sagen bei Thonet. Friedberg habe Verluste gemacht, sagt der von den Italienern eingesetzte Geschäftsführer Del Vecchio.

Nur Museum bleibt

In der Steiermark gibt man sich zerknirscht. 18 Mitarbeiter, die heute ihren letzten Arbeitstag im Werk haben, müssen sich nach etwas anderem umtun.

Er sei "traurig" sagt der steirische Wirtschaftslandesrat Christian Buchmann, wenn auch machtlos. Das Zusperren der Thonet-Produktion habe nicht verhindert werden können. "Eine Eigentümerentscheidung, die wir nur zur Kenntnis nehmen können", sagt Buchmann. Bemühungen seitens des Landes Stiermark, eine Management-buy-out-Variante zu unterstützen habe fehlgeschlagen. Auch die landeseigene Beteiligungs- und Finanzierungsgesellschaft sei immer "Gewehr bei Fuß gestanden". Buchmann: "Als ehemaliger Grazer Kulturstadtrat freut es mich, dass wenigstens das Thonet Museum erhalten bleibt."

Keine Überraschung

In der Branche war die Ankündigung der Produktionseinstellung in Friedberg keine Überraschung. "Wir rechnen seit 15 Jahren damit", sagt Joachim Reitbauer unaufgeregt. "Solche Sesselproduktionen sind in unseren Breitengraden einfach nicht mehr zu halten". Der Chef des steirischen "Holzclusters"glaubt zudem, dass hier wichtige Weiterentwicklungen des Produktes versäumt worden sind. Auch ein Thonet Nr. 14 hätte Innovationen vertragen. Und auch bedurft.

Der Sesselmarkt sei gegenwärtig "besonders heiß umkämpft", die Entwicklung rasant. Allein die Sesselmesse Promo Sedia in Italien zeige jährlich neu, wo der Trend hinlaufe. Was auch Thonet betreffe: Die Entwicklung der Sesselmode gehe weg vom Vollholz, hin zu Materialkombinationen. Dort will Thonet jetzt auch hin, mit neuen Materialien. (Günther Strobl, Walter Müller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.6.2006)

  • Bugholzmöbel werden künftig aus Asien zugekauft.
    foto: standard/thonet

    Bugholzmöbel werden künftig aus Asien zugekauft.

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