Die Frau ist der zwölfte Mann

29. Juni 2006, 19:28
7 Postings

Deutschland ist auch mithilfe der Spielerfrauen in die Mitfavoritenrolle geschlüpft

Berlin - Was musste man von diesen Bösen - früher - nicht schon alles lesen! Jürgen Klinsmann allerdings schert sich keinen Deut darum, hat überhaupt keine Sorge wegen allfälliger physischer Überbeanspruchung oder gar eines Einknickens der notwendigen Konzentration. Ja, es scheint so, als wäre der Fußball in Bezug auf die Fußballerfrauen beinahe erwachsen geworden, so geläufig gehen Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Joachim Löw mit der Tatsache um, dass ausgewachsene Männer in aller Regel in einigermaßen gefestigten heterosexuellen Partnerschaften daheim sind. Auch wenn Trainingslager ist. Oder gerade da.

Hinreißen

Mag sein, es ist wirklich eines der Klinsmann-Bierhoff-Löw'schen Geheimnisse, die aus dem deutschen Team eine bislang hinreißende Mannschaft gemacht haben.

Schon zum Trainingslager nach Sardinien reisten die meisten Spieler nicht allein an. Der DFB hat die Familien eingeladen, "das ist wichtig und lockert die Atmosphäre auf", sagt Joachim Löw. Und nicht nur das. Jörg Löhr, ein ehemaliger Handball-Internationaler und mittlerweile gesuchter Mental- und Personaltrainer, verweist beim deutschen Geschlechterumgang quasi aufs Watscheneinfache: "Zu dieser Entscheidung kann ich Jürgen Klinsmann nur gratulieren. In einem psychologisch wichtigen Moment, in dem die Spieler aus dem Alltag heraus auf ein Ereignis zusteuern, das viel von ihnen abverlangt, macht er etwas ganz Entscheidendes: Er stellt den Spielern ihren wichtigsten Ansprechpartner zur Seite."

Jürgen Klinsmann erläutert dies im Management-Jargon: "team building."Denn: "Die Partner leisten einen ganz großen Beitrag in dem großen Puzzle. Ihre Unterstützung ist sehr wichtig."Dafür sind die Gattinnen, Freundinnen, Kindsmütter nicht nur geduldetes Beiwerk, sondern aktiver Teil. Im Trainingslager gab es gemeinsame Beachvolleyball-Einheiten, nach den WM-Spielen gemeinsame Grill- abende. Und wer dabei - wie früher eben üblich - bloß an Ausschweifung und deren mögliche Schädlichkeit fürs Spiel denkt, ist quasi selbst daran schuld.

Herumtoben

Michael Ballack, der Regisseur, glaubt, damit werde das Kasernengefühl erstickt, "so kommt erst gar kein Lagerkoller auf". Und Mittelfeld-Kollege Torsten Frings meint: "Es tut gut, wenn die Kinder um einen herumtoben und die Familien da sind."

Die Frauen revanchieren sich beim neuen Teamgeist der Deutschen ihrerseits mit offensivem Teamgeist. Petra Frings hat ihre Kolleginnen dazu gebracht, sich weiße Leiberln mit der Aufschrift "Germany"überzuziehen, um so auf der Tribüne Geschlossenheit zu demonstrieren.

Besonderen Zuspruch kann wohl Arne Friedrich vertragen. Seine Lebensgefährtin hat sich jedenfalls voll ins Team-Building-Geschäft geworfen. Vor der heutigen Argentinienpartie organisiert sie als Incentive eine Sightseeing-tour durch Berlin, um so Anfeuerungskräfte zu sammeln.

Würden jetzt auch die Zeitungen anfangen, die Sache mit einem Quäntchen Normalität zu beschreiben, dann wäre, meint jedenfalls Petra Frings, fast alles in Ordnung. "Ich mag das Wort Spielerfrauen nicht,", ließ sie das Magazin sternwissen, "weil dabei jeder an blond und blöd denkt. Aber das sind wir ja nicht. Wir sind zufällig die Frauen von Männern, die Fußball spielen, mehr nicht". (sid, wei - DER STANDARD PRINTAUSGABE 30.6. 2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sie ist zufällig eine Frau von einem Mann, der Fußball spielt: Petra Frings.

Share if you care.