Theaterfestivals Schäxpir in Linz: Kunst ist Kunst oder keine

6. Juli 2006, 15:57
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Die dritte Ausgabe des internationalen Festivals versammelt 46 Produktionen aus acht Ländern unter dem Qualitätsgütesiegel der Fachvereinigung ASSITEJ

Linz - Wenn ein Tisch seine Schublade einfach nicht halten kann, dann sollte man ihm das hölzerne Mundwerk auch nicht verbieten. So ein Möbel hat vom Benütztwerden schon einiges zu berichten. Sei es von der auf ihm alltäglich verrichteten Küchenarbeit oder als duldsamer Vierbeiner unter Chirurgenhand.

In Tischgeflüster der Linzer Gruppe Helix wurde den Unmutsäußerungen der stummen Gegenstände nun Luft gemacht. Das Wahrnehmung und Wissen transzendierende Tanztheaterstück ist eine von 46 Produktionen aus insgesamt acht Ländern, die das heurige internationale Theaterfestival Schäxpir in Linz, Wels, Gmunden und Steyr versammelt.

Erst der Festival-Untertitel - "Theaterkunst für junges Publikum" - fokussiert die primären Adressaten, Kinder und Jugendliche, und diese Gepflogenheit ist ein Markenzeichen seines Chefs, Stephan Rabl: Der Dschungel-Wien-Leiter ist in seinem Metier zu einer Art Gleichbehandlungskämpfer geworden und stellt seit zwei Jahrzehnten, so gut es geht, jene künstlerischen Ansprüche an das Kinder- und Jugendtheater, wie sie für das so genannte Erwachsenentheater selbstredend gelten.

218 Veranstaltungen

Kunst ist Kunst oder keine, egal, ob es sich um Theater für Junge oder Alte handelt. Diese Behauptung gilt es in dem von Kommerz und Entertainment bisweilen fix durchzogenen Kinder- und Jugendbereich immer wieder zu verteidigen. Seinem Credo folgend, hat Rabl vor über zehn Jahren im niederösterreichischen Horn das längst bewährte szene-bunte-wähne-Festival aufgebaut und vor vier Jahren die künstlerische Leitung des Schäxpir-Festivals in Oberösterreich übernommen. Es findet heuer - mit 218 Veranstaltungen - zum dritten Mal statt.

Die Notwendigkeit der Qualitätssicherung sowie der Bedarf an länderübergreifender Vernetzung ist so groß, dass sich sogar eine eigene Vereinigung darum kümmert: Der internationale Kinder- und Jugendtheaterverband mit der leidlichen Abkürzung ASSITEJ (Association International du Theatre pour L'Enfance et la Jeunesse) hat Schäxpir 2006 zu einem seiner Weltfestivals erklärt. Und in seinem Tagesprogramm ein international besetztes Symposion im O.K. Centrum ausgetragen.

Man will hier keine Rekorde brechen, sondern einfach einmal spüren, wie es im Kulturhauptstadtjahr 2009 in Linz sein könnte, wenn Shuttlebusse Teil einer manifesten Logistik des gestundeten Kunstkonsums werden.

Dass namhafte Regisseure wie Sebastian Nübling (zu Gast bei den Wiener Festwochen) für das Jugendtheater arbeiten, gibt der Szene Aufwind. Seine Theaterversion von Fucking Åmål mit dem jungen theater basel ist heute und morgen im Posthof zu Gast. Obwohl: Es sind nicht nur die Marktbeherrscher gut. Das künstlerische Potenzial erwächst aus den Randzonen, auch in Österreich, wo Qualität in Form von acht präsentierten Uraufführungen allmählich sichtbar wird.

Zu den Höhepunkten zählten bisher das Tanztheaterprojekt Brief, eine Koproduktion der Kopergietery Gent mit dem JES Stuttgart, der Gessnerallee Zürich und des Dschungel Wien, die mit jugendlichen Befindlichkeiten aus einem disparaten Europa das Publikum in furioser Weise anrief.

Mit der Introspektion einer patinierten Wohnstube, in der eine alte Frau nur mehr mit ihren Erinnerungen (dem verstorbenen Ehemann oder dem Kind, das sie einmal war) zusammenlebt, hat das Het Lab aus Utrecht Großes vollbracht.

Auf einer Minitribüne in der Hahnengasse 3 inmitten der Linzer Altstadt gucken die Zuschauer in ein Schaufenster, in dessen morbider Starre der detaillierte Wahnsinn des Lebensabends haust: Dutzende Porzellankätzchen, eine Gieß-als fälschliche Teekanne, die billige Keksdose, die muffige Wolldecke um die Arthrosebeine gewickelt. Hier blickt man in die unendliche Einsamkeit des Alters. Und es sage keiner, die ernste, hoch präzise Arbeit könne Zehnjährigen nichts sagen. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.6.2006)

  • Die Erinnerung (an den verstorbenen Ehemann) wohnt mit: das Het Lab aus Utrecht zu Gast beim internationalen Theaterfestival Schäxpir in Linz.
    foto: christian herzenberger

    Die Erinnerung (an den verstorbenen Ehemann) wohnt mit: das Het Lab aus Utrecht zu Gast beim internationalen Theaterfestival Schäxpir in Linz.

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