Verkohlen als Lebensaufgabe

30. Juni 2006, 10:52
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Weltweit steigt der Verbrauch von Kohle, in Österreich dagegen sinkt er seit Jahren. Das hat Auswirkungen auf Regionen und traditionelle Berufe

Ybbsitz/Wien – Vom Ortszentrum bis zum Einödhammer sind es rund drei Kilometer. Da reihen sich auf einer richtigen "Schmiedemeile" im niederösterreichischen Ybbsitz alte Hammerwerke wie industriearchitektonische Perlen aneinander. Im Inneren bestimmt von einer fast mystischen Symbiose aus Feuer, glühendem Eisen, Ruß und Maschinenlärm.

Holz, Kohle, Eisen. Sie gehörten seit Langem eng zusammen. Heute hat die Umstellung der Eisenindustrie auf Koks der Köhlerei zwar schon lange die wichtigste Lebensquelle abgegraben, die Meilerverkohlung kann sich in einigen Gebieten des Voralpenlandes rund um Ybbsitz, Randegg und Gutenstein aber trotzdem noch halten.

Der letzte Köhler im Ybbstal

Und auch er hält sich, trotz seiner mittlerweile 76 Jahre, auch noch wacker: Stefan Zechberger, der letzte Köhler in der Region Ybbstal. Lange bevor man den schmächtigen, alten Mann sieht, hört man ihn schon von Weitem hinter dichten Rauchwolken lachen. Während die dafür sorgen, dass der Besucherin aus Wien erst einmal die Luft wegbleibt, reißt Zechberger mit dem Talent eines bäuerlichen Showmasters einen Schmäh nach dem anderen. Nebenbei siebt er Kohle aus. Schwerarbeit, bei dem einem allein schon vom Zuschauen jeder Muskel wehtut. Ernst wird freilich auch er, wenn er auf ungläubiges Nachfragen hin erzählt, dass er faktisch bereits seit sieben Jahrzehnten Holzkohle in Meilern herstellt. „Ich musste schon als Sechsjähriger und jüngstes von sechzehn Kindern dem Vater dabei zur Hand gehen“, erzählt er.

Glut darf nicht erlöschen

Rund um die Uhr muss der Meiler dabei bewacht werden, um das richtige Verkohlen der dicht an dicht geschichteten Holzscheite zu steuern. Zechberger: „Die Glut darf nicht erlöschen, undichte Stellen müssen sofort verschlossen werden.“ Schutz und ein bisschen Ruhe fanden die Kohlenbrenner lediglich in einer roh gezimmerten Köhlerhütte, in der gerade einmal ein Bett, ein Stockerl und – heutzutage – eine Kiste Bier Platz finden.

Als vor rund dreißig Jahren die Schmiedemeister dann im Voralpenland einer nach dem anderen den Hammer schmissen, schien auch Zechberger seine Holzmeiler endgültig löschen zu müssen. Doch dann seien zum Glück das Grillen und in letzter Zeit die Schmiedefeste in Mode gekommen. Seitdem kann er neben seinem Vieh auch wieder seine Holzstöße hüten. Zechberger weiß schon seit Jahrzehnten, dass man Buchenholz für kleine Kohlestücke nimmt, Fichte sei für große Brocken und Lärche für gar nichts gut, weil die im Feuer spritzt.(Monika Bachhofer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.6.2006)

  • Stefan Zechberger hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Bereits als Sechsjähriger und Jüngster von 16 Kindern musste er seinem Vater bei der Arbeit zur Hand gehen.
    foto: standard/gross

    Stefan Zechberger hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Bereits als Sechsjähriger und Jüngster von 16 Kindern musste er seinem Vater bei der Arbeit zur Hand gehen.

  • Weltweit steigt der Kohleverbrauch noch an. In Europa inklusive Österreich geht der Verbrauch hingegen zurück, nicht zuletzt aufgrund verschärfter Umweltvorschriften.
    foto: standard

    Weltweit steigt der Kohleverbrauch noch an. In Europa inklusive Österreich geht der Verbrauch hingegen zurück, nicht zuletzt aufgrund verschärfter Umweltvorschriften.

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