"Die Nerven weggeworfen"

28. Juli 2006, 09:18
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Beim russischen Stahlriesen Severstal ist ein Burgenländer die Nummer zwei: Thomas M. Veraszto im STANDARD-Interview über die Probleme beim Kampf um Arcelor

STANDARD: Sehen Sie noch eine Chance für den Arcelor-Deal?

Thomas M.Veraszto: Es besteht jetzt wohl die Möglichkeit, dass unser Deal abgelehnt wird.

STANDARD: Es heißt, Mittal habe die Arcelor-Aktionäre besser „bearbeitet“, als Sie von Severstal das taten?

Veraszto: Wir sind mit einem unheimlichen Nachteil gestartet. Erstens war der Markt mit uns nicht vertraut. Aktionäre, die sich mit Severstal nicht beschäftigt hatten, konnten uns anfänglich nicht beurteilen – das Informationsdefizit haben wir mittlerweile ausgeräumt. Wichtiger aber war der zweite Punkt, das Atmosphärische; Arcelors Entscheidung für diesen unorthodoxen Wahlmodus, dass nämlich 50 Prozent der existierenden, also nicht der anwesenden, Aktionäre gegen uns stimmen müssen, wurde vom Markt mit Argwohn aufgenommen. Der Wahlmodus war aber nur ein scheinbarer Vorteil für uns.

STANDARD: Wie erklären Sie sich den rasanten Meinungsumschwung bei Arcelor? Wurde Severstal missbraucht?

Veraszto: Nein, das Wort würde ich nicht in den Mund nehmen. Natürlich sind wir enttäuscht, aber es ist keine Katastrophe. So ist das Geschäftsleben. Arcelor wollte Mittal ja unbedingt fernhalten, und wir hatten die Aktionäre überzeugt, dass wir um 60 Prozent pro Tonne profitabler sind als Mittal Steel. Die Investoren hatten mit Arcelor große Probleme, nicht mit uns. Manche haben uns gesagt, dass sie unbedingt unsere Aktien kaufen möchten, wenn wir einen IPO machen. Interessant, wie binnen zwei Wochen die Meinung für zwei Euro mehr umschlagen kann; das ist zumindest nicht sehr glaubwürdig, um es gelinde zu sagen.

STANDARD: Und nicht gelinde?

Veraszto: Offensichtlich hat man die Nerven weggeworfen, nachdem die Aktionäre doch unter Druck gekommen sind. Das aufgebauschte Thema, Angst vor einem russischen Unternehmen, spielte in Wirklichkeit keine große Rolle.

STANDARD: Sie haben rechtliche Schritte angekündigt.

Veraszto: Wir haben gesagt, dass wir rechtliche Schritte in Erwägung ziehen.

STANDARD: Nochmals zu Severstals Fehlern. Mittal scheint für den Informationskrieg besser vorbereitet gewesen zu sein.

Veraszto: Mittal hat vier, fünf Monate Vorsprung gehabt. Wir sind ja erst in der Endphase, Mitte April, ins Spiel gekommen. Ich muss sagen, dass Mittal die schwachen Punkte (Wahlmodus) in unserem Deal sehr gut erkannt und in der PR-Debatte aufgegriffen hat. Nicht vorbereitet waren wir auf die Aufbauschung des Argwohns. Dann kam Mittal mit einem neuen Business-Deal, um zu zeigen, wie großartig die Zukunft sein wird, um davon abzulenken, wie medioker die Gegenwart ist. Mittal hat nicht den Informations-, sondern den PR-Krieg gewonnen.

STANDARD: Fassen wir die Frage weiter: Ist die Informationspolitik ein generelles Problem russischer Unternehmen?

Veraszto: Das ist eine gute Frage. Man muss informationspolitisch künftig proaktiv arbeiten. Die Voreingenommenheit gegenüber Russland ist sicher ein Problem, aber nicht unüberwindbar, wie unsere Investitionen in Italien und den USA gezeigt haben. Jetzt plötzlich hieß es, dass wir ein Agent Putins seien, um sich die europäische Stahlindustrie unter den Nagel zu reißen. Kompletter Unsinn.

STANDARD: Aber Sie werden nicht leugnen, dass Putin das Placet gab.

Veraszto: Severstal ist ein Privatunternehmen. Trotzdem ist es wie in allen anderen Ländern üblich, dass bei Verkäufen großer Unternehmen ins Ausland entscheidende Leute darüber informiert werden. Im Kreml sind wir auf kein Problem gestoßen. Das kann man Placet nennen, oder einfach auch Information.

STANDARD: Konsolidierungen am Markt werden weitergehen. In Russland selbst ist die Kooperationsbereitschaft aber nicht sehr groß.

Veraszto: Der Markt ist bereits relativ konsolidiert mit vier großen und ein, zwei mittleren Spielern. Aber es gibt sicher eine Möglichkeit der Konsolidierung. Jetzt ist ja Roman Abramowitsch bei Evraz eingestiegen. Das wird sicher einen weitern Anstoß zu einer Konsolidierung geben.

ZUR PERSON: Thomas M. Veraszto (44) stammt aus der burgenlandkroatischen Gemeinde Schandorf/Èemba und studierte in Graz Slawistik und Jus. Nach Studienaufenthalten in Zagreb, Petersburg, Baltimore und Bologna begann er 1988 seine Laufbahn bei McKinsey und ging 1995 nach Moskau, wo er auch Severstal beriet. 2003 wechselte er als Vizechef zum Stahlkonzern, wo er für Mergers und Acquisitions zuständig ist. (Eduard Steiner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.06.2006)

  • Severstal Vizepräsident Thomas M. Veraszto, ein Österreicher, der für Mergers & Acquisitions und damit auch für die Verhandlungen mit Arcelor zuständig ist.
    foto: standard/steiner

    Severstal Vizepräsident Thomas M. Veraszto, ein Österreicher, der für Mergers & Acquisitions und damit auch für die Verhandlungen mit Arcelor zuständig ist.

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