"Ohne risikobereite Bürgermeister geht gar nichts"

27. Juli 2006, 14:21
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Am 18. Bürgermeistertag wurden erfolgreiche Kooperationen von Gemeinden und Unternehmen vorgestellt und diskutiert

Seit 1989 veranstaltet die "Arbeitsgemeinschaft (Arge) Ländlicher Raum" in Wieselburg (NÖ) jährlich den "Bürgermeistertag". Ziel der Tagung ist der Gedankenaustausch, der Dialog und die Suche nach Lösungsansätzen zu aktuellen Problemen der Wirtschafts-, Umwelt-, Kultur- und Bildungspolitik im auf kommunaler und regionaler Ebene.

Ging es dabei schon im Vorjahr um "Betriebsansiedlungen im Ländlichen Raum", so wurde dieses Thema heuer fortgesetzt und erweitert. Unter dem Motto "Gemeinden und Regionen im wirtschaftlichen Wettbewerb" wurden am Donnerstag erfolgreiche Kooperationen von Gemeinden und Unternehmen vorgestellt. Rund achtzig GemeindevertreterInnen aus ganz Österreich waren der Einladung von Arge-Präsident Sixtus Lanner zum 18. "Bürgermeistertag" gefolgt, um den Präsentationen zu folgen und anschließend darüber zu diskutieren.

Mit seinem Resümee aus der Vorbereitungsarbeit der Tagung hielt Lanner gleich zu Beginn nicht hinterm Berg: "Ohne risikobereite Bürgermeister geht gar nichts." IV-Präsident Veit Sorger, der als Gastredner geladen war, wollte in seinem Referat mit dem Titel "Megatrends in der Wirtschaft" dann aber auch festgehalten wissen: "Ohne den Glauben an und den Willen zum unternehmerischen Gestalten geht gar nichts."

Vom Werkzeughändler zum Autozuliefer-Konzern

Dazwischen standen die beiden Referate über erfolgreiche Kooperationen zwischen Gemeinden und Unternehmen im "ländlichen Raum" auf der Tagesordnung. Manfred Kainz, Geschäftsführer von TCM International, berichtete zunächst vom "Technologie- und Entwicklungszentrum" (TEZ) in Georgsberg in der Weststeiermark.

Kainz arbeitete gerade als Werkzeughändler, als Opel 1996 ein neues Zylinderkopfwerk in Ungarn in Betrieb nahm. Dies bedeutete für ihn den Einstieg ins Autozuliefer-Geschäft. Sein Modell: Er vermietete Spezialwerkzeug für den Motorenbau, abgerechnet wurde pro gefertigtem Motor.

1997 wurde dann die TCM GmbH (Tool Consulting & Management) gegründet. Es folgten weitere Niederlassungen im Ausland, mehrmals wurde TCM von General Motors bisher außerdem zum "Supplier of the Year" gekürt. 1999 beteiligte sich TCM an der ACStyria Autocluster GmbH, in der Kainz auch die Geschäftsführung übernahm.

Bürgermeister stellte Kontakt her

Sehr bald hatte Kainz dann die Idee für das Technologie- und Entwicklungszentrum. Der Georgsberger Bürgermeister Anton Ruhri stellte den Kontakt zur Firma Peters Engineering her, schließlich wurde eine GesmbH gegründet, in die TCM und Peters Engineering jeweils 105.000 Euro, die drei Gemeinden Georgsberg, Stainz und St. Stefan gemeinsam 100.000 Euro einzahlten. Drei Gebäude mit 5.000 Quadratmetern Nutzfläche wurden errichtet, investiert wurden insgesamt 4,3 Millionen Euro, wovon 43 Prozent aus Förderungen des Landes und aus EU-Fördertöpfen stammten. Ende 2003 konnte TCM sein neues Büro im TEZ beziehen.

90 Prozent der Fläche waren bereits vor dem Bau vermietet, das TEZ schreibt deshalb laut Kainz seit Beginn jährlich schwarze Zahlen. Derzeit sind elf Betriebe angesiedelt, darunter auch ein Messlabor der FH Joanneum. Statt der geplanten 120 Mitarbeiter sind bereits 179 auf dem Areal tätig. Ein Anbau um zwei Millionen Euro ist bereits in der Realisierungsphase, unter anderem soll dann auch eine "Krabbelstube" für die Kinder der Mitarbeiter angebaut werden.

TCM International hat mittlerweile 30 Niederlassungen in zwölf Ländern. Was Kainz daran besonders freut: "Für zehn Arbeitsplätze im Ausland kriege ich einen in Georgsberg dazu." Per 1. Juli 2006 übernimmt das Unternehmen die Bereiche Toolmanagement, Werkzeugbau und Werkzeugschleiferei im Opel-Werk in Bochum mit 82 Arbeitsplätzen, für Georgsberg bedeutet das acht neue Stellen.

Call-Center am Land

Das zweite am Bürgermeistertag vorgestellte Kooperationsprojekt war die Firma "Market Calling" in Niederwaldkirchen (OÖ). Geschäftsführerin Erika Leibetseder war zuvor bei Werner Beutelmeyers "market"-Institut in Linz beschäftigt. 1998 wurde "Market Calling" als Tochterfirma am Standort Linz gegründet, die MitarbeiterInnen waren vorwiegend in Heimarbeit tätig.

Die Wahl für die Verlegung des Standorts in das im Grenzgebiet zu Tschechien gelegene Niederwaldkirchen hatte dann einerseits mit der Herkunft der Geschäftsführerin, andererseits mit einem "Blitzauftrag" der Arbeiterkammer Tirol zu tun: 40.000 Mitglieder sollten in den nächsten drei Monaten telefonisch befragt werden.

Eine "Expansion" war notwendig. Die nötigen motivierten MitarbeiterInnen war man überzeugt, im "ländlichen Raum" finden zu können. Geeignete Räumlichkeiten waren im Gebäude der Raiffeisenbank Niederwaldkirchen vorhanden, wo man insgesamt drei Jahre lang "Untermieter" war. Im Lauf der Zeit wurden immer mehr Räume von Market Calling in Besitz genommen, "und dann war die Frage: zieht Raiffeisen aus oder wir?", so Leibetseder rückblickend. Unter Mithilfe des Bürgermeisters Franz Haugeneder und nach sanftem Druck ("Wenn es ein passendes Grundstück gibt, bleiben wir in Niederwaldkirchen") wurde schließlich ein Baugrund gefunden, vor zwei Jahren wurde das neu erbaute Call-Center mit hundert Telefonarbeitsplätzen bezogen. Heute arbeiten bei Market Calling 250 MitarbeiterInnen, 95 Prozent davon sind Frauen; großteils Wiedereinsteigerinnen, viele auf Teilzeitbasis, wie Leibetseder berichtet.

Kritik an bürokratischen Hürden

In der anschließenden Diskussion wurde seitens mancher Gemeindevertreter die oft überbordende Bürokratie beklagt. IV-Chef Sorger, der zuvor schon in seinem Referat die mangelnde Flexibilität in der öffentlichen Verwaltung kritisiert hatte ("Wir haben kein Verständnis, wenn man 20 Jahre an einer Stromleitung herunbastelt"), pflichtete dem bei: "Begleiten Sie mich das nächste Mal bei einer Umweltverträglichkeitsprüfung. Da werden Sie so manches Wunder erleben."

"Der Widerstand am Anfang ist oft sehr groß", fasste Lanner kurz und bündig zusammen, welche Schwierigkeiten auf Menschen, die unternehmerisch tätig sein wollen, zukommen. Sorger appellierte an die anwesenden GemeindevertreterInnen als "konstruktive Kraft" jedenfalls abschließend: "Helfen Sie mit, dass diese Probleme überwunden werden." (Martin Putschögl)

  • IV-Chef Veit Sorger, Market Calling-Geschäftsführerin Erika Leibetseder, TCM-Chef Manfred Kainz und ARGE-Präsident Sixtus Lanner (v.l.).
    foto: derstandard.at/putschögl

    IV-Chef Veit Sorger, Market Calling-Geschäftsführerin Erika Leibetseder, TCM-Chef Manfred Kainz und ARGE-Präsident Sixtus Lanner (v.l.).

  • Rund 80 BürgermeisterInnen waren der Einladung der Veranstalter "Arge Ländlicher Raum" und "Forum Land" gefolgt.
    foto: derstandard.at/putschögl

    Rund 80 BürgermeisterInnen waren der Einladung der Veranstalter "Arge Ländlicher Raum" und "Forum Land" gefolgt.

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