Die Zukunft der Unis liegt im Spätmittelalter

20. Oktober 2006, 10:00
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Wissenschaftsratschef Mittelstraß sieht Österreichs Unis "gut aufgestellt" - Autonomie bei Hochschulzugang "wünschenswert"

Wien - "Europa hat die Wissenschaft entdeckt. Endlich."Die Wissenschafts- und Bildungspolitik sei von der "dienenden Rolle am Zügel der Wirtschafts-, Technologie- und Finanzpolitik in eine gleichrangige gekommen", sagte Wissenschaftsphilosoph Jürgen Mittelstraß von der Uni Konstanz am Donnerstag.

Auf Einladung von ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek präsentierte der Vorsitzende des österreichischen Wissenschaftsrates, des zentralen Beratungsgremiums der Bildungsministerin, die erwarteten zukünftigen Entwicklungen im europäischen Hochschulraum. Diese Zukunft führt gewissermaßen in die Vergangenheit.

Konkret meinte Mittelstraß, dass die zu erwartende verstärkte Konkurrenz "fast wieder spätmittelalterliche Formen"hervorbringen werde: Nicht mehr Oxford und Glasgow oder Padua und Ferrara werden sich miteinander messen, sondern Oxford werde sich mit Paris und Padua in Konkurrenz fühlen - also über nationale Vergleiche hinausreichend. Im Endeffekt würden in Europa 30 bis 40 herausragende Unis in Wettbewerb treten.

Österreichische "Kandidaten"für diesen Kreis auserwählter Top-Unis seien, so Mittelstraß, vor allem die Unis in Wien und Graz, aufgrund ihrer Lage inmitten universitärer Forschungseinrichtungen. Andere Unis, vor allem die "Spezialunis"(Boku, VetMed, Montanuni), aber auch die Uni Linz mit ihrer angewandten Mathematik, hätten sehr gute Chancen, im europäischen Konzert mitzuspielen. Generell empfiehlt er, "Stärken zu stärken. Vollunis im klassischen Sinn wird es nur noch an einigen Stellen geben."

Beim Unizugang hält Mittelstraß es für "wünschenswert", dass die Unis die Studierenden selbst aussuchen dürfen, nicht aber "im Wildwuchs". Zulassungsverfahren sollten "in hohem Maße studienberatende Elemente einschließen", nicht vorrangig auf Noten abstellen. Insgesamt seien Österreichs Unis "gut aufgestellt", so Mittelstraß, da das Unigesetz 2002 "das modernste und fortschrittlichste Unigesetz in Europa ist". (nim/DER STANDARD Printausgabe, 30. Juni 2006)

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    Wissenschaftsrats-Chef Jürgen Mittelstraß

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