Die Einkaufswelt von morgen

7. Juli 2006, 10:33
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IBM-Forscher denken darüber nach, wie sie unseren Einkaufsalltag noch weiter beeinflussen könne

"Verfolgt man die Geschichte des Einzelhandels in den vergangenen 100 Jahren, stellt man fest, dass dessen Entwicklung und Wachstum Hand in Hand mit dem Einsatz neuer Technologien erfolgte", stellt Moshe Rappoport, seit 20 Jahren "Vordenker"im Industry Solutions Lab (ISL) des IBM Forschungslabors in Zürich fest. Beispiel gefällig? Der Aufstieg der großen amerikanischen Kaufhauskette Sears ging einher mit der Heidelberger Druckmaschine und der Eisenbahn: Die Maschine ermöglichte den Druck günstiger Kataloge mit dem Sear'schen Warenangebot, die per Bahn weitflächig verteilt wurden.

Modern

Heute dominieren längst moderne Informationstechnologien den Handel, Geschäfte ohne Computerkassen oder elektronische Bestell- und Warenwirtschaftssysteme werden immer seltener. "Für Banken und Handel gilt heute gleichermaßen: Ohne den Einsatz von Informationstechnologie (IT) überleben sie maximal 48 Stunden", stellt Rappoport, nüchtern fest. Dabei seien wir erst am Anfang der IT-Revolution im Einzelhandel. Mehr denn je gelte daher: "Retailer, die nicht aufmerksam verfolgen, was sich an technologischen Entwicklungen ereignet, sind morgen weg."

Rappoports Aufgabe im ISL ist es, darüber nachzudenken, wie zukünftige Technologien für Kunden und Unterneh- men eingesetzt werden können. Aus seiner "Denkfabrik"stammt etwa die "intelligente Waage". Sie erkennt selbstständig, welche Obst- oder Gemüsesorte der Konsument auf sie gelegt hat. Der Kunde muss sich keine Nummern mehr merken oder nach der richtigen Taste suchen, das Preisetikett wird automatisch ausgedruckt. Eine Idee, die schon realisiert ist und im Futureshop der Metro Group in Deutschland getestet wird.

"Electronic Dressing Room"?

Oder wie wäre es mit einem "Electronic Dressing Room"? Eine Kamera fotografiert den Kunden, erkennt dessen Maße und macht ihm auf einem Display passende Vorschläge. Der Vorteil: Ohne die Sachen anzuprobieren, sieht man sofort, wie sie einen kleiden.

Eine weitere Idee sind "intelligente"Werbeplakate: Sie erkennen in groben Zügen, wer sich ihnen gerade nähert (zum Beispiel ob Mann oder Frau, jung oder alt) und wechseln zu einem "passenden"Sujet (etwa Auto oder Parfum).

Zu den "wilderen"Ideen zählt Rappoport "Emotion Tracking". Im Geschäft verteilte Kameras filmen den Gesichtsausdruck des Kunden beim Einkauf. Bei der Auswertung der Bilder verrät ein lächelndes Gesicht etwa, dass der Konsument eine ihm gefälli- ge Ware gefunden hat. "Der Händler könnte so wichtige Informationen darüber sammeln, ob er den Geschmack seiner Klientel getroffen hat", sagt Rappoport.

Immer wichtiger würde auch die elektronische Verkäuferunterstützung. Denn dank Internet würden die Käufer immer "wissender". Hierfür wurde im ISL ein Konzept ausgearbeitet, das es dem Verkäufer etwa mit einem PDA ermöglicht, direkt vor den Produkten topaktuelle Informationen über die betreffende Ware abzurufen.

Bei allem "Erfindungsgeist"bleibt Rappoport aber realistisch: "Es wird nie so, wie wir uns das ausgedacht haben." (Karin Tzschentke aus Zürich, DER STANDARD Printausgabe, 29.06 2006)

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