Deutsche Arbeitslosenzahl sinkt überraschend deutlich

19. Juli 2006, 15:54
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Die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt hat sich deutlicher verbessert als erwartet: 4,4 Millionen Menschen waren im Juni ohne Job, 383.000 weniger als im Vorjahr

Nürnberg - Die Lage am deutschen Arbeitsmarkt hat sich überraschend deutlich verbessert. Im Juni waren nach Angaben der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit (BA) vom Donnerstag noch 4,397 Mio. Menschen ohne Job - 138.000 weniger als im Vormonat und 383.000 weniger als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote ging um 0,3 Punkte auf 10,5 Prozent zurück. BA-Vorstandsvorsitzende Frank-Jürgen Weise sprach von einer "erfreulichen" Entwicklung.

"Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist wieder auf Vorjahresniveau, die Arbeitslosigkeit sank stärker als in einem Juni üblich, und die Nachfrage nach Arbeitskräften in den Außenberufen ist weiter groß", fasste Weise zusammen. Hierzu hätten auch die intensivere Betreuung der Arbeit suchenden und der Einsatz von Ein-Euro-Jobs beigetragen.

"Entwicklung in die richtige Richtung"

So habe sich im Juni auch die Zahl der Empfänger des Arbeitslosengeldes II weiter reduziert. Nach minus 60.000 im Mai ging sie um weitere 47.000 zurück. Wie viele davon eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt fanden und wie viele in Arbeitsgelegenheiten wie etwa Ein-Euro-Jobs unterkamen, konnte BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt nicht sagen. Die Entwicklung gehe aber "in die richtige Richtung", erklärte er. Von Jänner bis Juni hätten 16 Prozent der Langzeitarbeitslosen eine neue Stelle gefunden.

Laut BA-Chef Weise ging erstmals seit fünf Jahren auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nicht mehr zurück. Mit 26,10 Millionen erreichte sie im April das Niveau des Vorjahres. "In neun der 16 Bundesländer wächst die Beschäftigung wieder", sagte Weise. Als Trendwende könne dies aber noch nicht bezeichnet werden. "Erst wenn die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in den nächsten drei bis vier Monaten steigt, könnten wir von einer Trendwende auf dem Arbeitsmarkt sprechen", meinte der BA-Chef.

Zusätzliche Arbeitsplätze wegen WM

Der Einfluss der Fußball-Weltmeisterschaft darauf dürfte eher gering ausfallen. Von den von der BA erwarteten 50.000 Stellen, die im Zuge der WM in Deutschland zusätzlich entstehen sollten, wurden bisher etwa 25.000 geschaffen. "Wir gehen davon aus, dass die Hälfte davon dauerhaft ist", erklärte Alt. Überraschend sei allerdings, dass keineswegs nur Minijobs darunter seien, sondern zwei Drittel sozialversicherungspflichtige Stellen.

Mit Blick auf den weiter angespannten Ausbildungsmarkt sprach sich Weise für Projekte zur Vermeidung von Jugendarbeitslosigkeit aus. Fast jeder Zehnte verlasse die Schule ohne Abschluss und steuere daher mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Arbeitslosigkeit. Der BA-Vorstand habe daher sieben Projekte mit Modellen für "abschlussgefährdete" Schüler an Hauptschulen in die Wege geleitet, unter anderem in Niedersachsen und Berlin. Praktika, Bewerbungstrainings oder Sprachkurse sollen die Jugendlichen bereits ein Jahr vor Schulabschluss auf Prüfungen und den Einstieg ins Arbeitsleben vorbereiten. Die Kosten für diese Projekte konnte Weise nicht exakt beziffern. Er sprach aber von "höchstens einigen wenigen Millionen Euro". Insgesamt sei es ohnehin billiger, Arbeitslosigkeit erst gar nicht entstehen zu lassen, als sie später zu bekämpfen.

Der Finanzüberschuss der BA betrug Ende Juni 3,78 Mrd. Euro und lag damit deutlich über den erwarteten 52 Mio. Euro. Für das Gesamtjahr ging die BA bisher von einem Überschuss in Höhe von 4,5 Mrd. Euro aus. Angesichts der bisherigen Entwicklung sei aber auch mehr zu erwarten. "Es ist eine Tendenz erkennbar, dass der Überschuss mehr als 4,5 Mrd. Euro sein wird", sagte Finanzvorstand Raimund Becker. Die nächste Prognose will die BA im August vorlegen. (APA/AP)

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    Die bessere Konjunktur schlägt sich allmählich am Arbeitsmarkt nieder.

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