"Usability sollte von Anfang an bei der Softwareentwicklung mitgedacht werden"

31. Juli 2006, 10:17
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Anna Dirks - bei Novell für die Verbesserung der Usability des Linux-Desktops zuständig - im Gespräch mit dem WebStandard

War es vor wenigen Jahren noch üblich, dass praktische jede und jeder das Interface von Anwendungen so entwickelte, wie es den eigenen Vorstellungen entsprach, so ist doch in den letzten Jahren der Begriff "Usability" auch im Open Source zu einer wichtigen Größe geworden. Wenn es nach Anna Dirks geht, allerdings noch lang nicht genug: "Die Usability sollte von Anfang an bei der Softwareentwicklung mitgedacht werden", so Novells Spezialistin in diesem Bereich im Gespräch mit dem WebStandard am Rande der GNOME-Konferenz GUADEC.

Abwehr

Dass dies Sinn macht, liegt allerdings weniger daran, dass sich falsche Konzept nicht auch im nachhinein verändern lassen, sondern eher an der Beziehung Mensch - Code: Die EntwicklerInnen ließen sich mit der Zeit nur mehr wesentlich schwerer zu Änderungen an ihrer Software bewegen. Dies resultiert vor allem daraus, dass sie einfach selbst viel am Interface herumbasteln, und selbst wenn sie dabei aus Usability-Sicht schlechte Arbeit leisten, identifizieren sie sich doch zunehmend mit diesem Teil ihres Programms, und wehren sich gegen Änderungen.

Kritik

Dirks kümmert sich bereits seit Jahren um Usability-Untersuchungen am Linux-Desktop, zuvor bei Ximian, nach der Übernahme der Firma nun bei Novell. Dabei hat sie eigene Testsetups entwickelt, da es einerseits freien SoftwareentwicklerInnen aus Finanzgründen schlicht unmöglich ist, teure Tests durchführen zu lassen, und sie diese ohnehin für nicht aussagekräftig hält. Zu diesem harschen Urteil kommt sie aus Erfahrungen mit entsprechenden Setups. Die Testpersonen werden dabei meist in eine künstliche Testsituation gebracht, in der sie oft in einer kleinen Box sitzen und Angst davor haben, etwas falsch zu machen.

Einfach

Dirks versucht hingegen bei ihren Untersuchungen bewusst eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, alles potentiell Einschüchternde soll dafür verbannt werden. Um dies zu unterstützen bringt sie die ProbantInnen in eine Rollenspielsituation, in der sie eine für sie erfreuliche Rolle inne haben, auch auf die Gestaltung der Umgebung legt sie viel Wert. Zusätzlich bekommen die Testpersonen ihr Geld schon im vorhinein ausbezahlt, damit sie nicht das Gefühl haben, "durchfallen" zu können und in Folge das Geld nicht zu erlangen.

Ausführen

Der eigentliche Test beinhaltet die Ausführung verschiedener typischer Desktop-Tätigkeiten wie das Erstellen eine Mail oder der Login am System. Währenddessen werden die ProbantInnen mit zwei Kameras gefilmt um ihre Handbewegungen und Gesichtsausdrücke festzuhalten, auf diese Weise kann nachvollzogen werden, wo Probleme auftauchen. Das ganze Usability-Labor kommt insgesamt gerade mal auf rund 800 US-Dollar. Dirks empfiehlt anderen EntwicklerInnen im Open Source-Bereich einen ähnlichen Aufbau, die aus den Tests gesammelten Informationen seien äußerst lehrreich. Allerdings sollte man sich auf einiges gefasst machen, in ihrer Erfahrung tun sich die EntwicklerInnen ziemlich schwer damit, wenn sie sich später dann ansehen müssen, wie Testpersonen vollkommen an der von ihnen entworfenen Software scheitern.

Reisen

Mit diesem Labor war sie schon vor rund 18 Monaten auf "Tour" durch Schweden, Schottland und andere Länder, die gesammelten Videos hat sie später dann auf betterdesktop.org veröffentlicht. Diese fanden zwar viele InteressentInnen, NachahmerInnen - die Webseite fordert zur Verfügungstellung eigener Tests auf - gab es hingegen kaum. Novell-intern sei sie da schon erfolgreicher gewesen, so habe sie etwa im Bangalore-Büro des Unternehmens eine Art "Usability-Jeopardy" gespielt, um das Eis in diesem Bereich zu brechen. Auch hält das Unternehmen regelmäßig Usability-Wettbwerbe ab, die für das nötige Interesse sorgen sollen.

Gewöhnung

Usability heißt übrigens manchmal auch nicht das "optimale" sondern das, woran die BenutzerInnen gewohnt sind zu tun. Beispiele dafür seien z.B. der "spatial" Modus im GNOME File Manager Nautilus, dieser werde oft nicht verstanden, da die meisten den Browser a la Windows gewohnt seien. Aus dem selben Grund hat man im SUSE Linux Enterprise Desktop den Knopf für das Startmenü nach links unten verschoben, also dorthin, wo ihn Windows-BenutzerInnen vermuten würden. Ein wichtiger Faktor,der über die Usability einer Anwendung entscheidet ist auch deren Performance. Dabei kommt es allerdings weniger auf die "rohe" Performance an, sondern mehr wie flott sie sich anfühlt bzw. auf die Eingaben der UserInnen reagiert.

Problematisch

Allgemein ist Dirks davon überzeugt, dass das Bewusstsein für Usability im Bereich "Freie Software" stark gewachsen ist. Zu Beginn ihrer Tätigkeiten sei sie von vielen noch wenig begeistert aufgenommen worden, die Ablehnung habe sich nun aber meist in Interesse verwandelt. Trotzdem gibt es allerdings noch eine Menge zu tun, so sei es etwa ein Killer, wenn die BenutzerInnen für solch alltägliche Tätigkeiten am GNOME-Desktop wie die Änderung der Uhrzeit Root-Rechte benötigen. (apo)

Andreas Proschofsky berichtet von der GUADE aus Vilanova i la Geltrú

Link

GUADEC

betterdesktop.org

Ansichtssache

Das User Interface neu überdenken

  • Usability-Expertin Anna Dirks
    foto: andreas proschofsky / derstandard.at

    Usability-Expertin Anna Dirks

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