Hamas-Minister festgenommen

2. Juli 2006, 12:05
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Israel geht direkt gegen die Regierung der Hamas vor: Zunächst 64 Politiker wurden verhaftet

Israel geht nun direkt gegen die Regierung der radikalislamischen Hamas vor: Zunächst 64 Politiker, darunter acht Minister und zwanzig Abgeordnete, wurden verhaftet. Sie sollen vor Gericht.

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Während für die Israelis wenig Aussicht bestand, an ihren verschleppten Soldaten heranzukommen, und ein zweites Entführungsopfer ermordet aufgefunden wurde, warfen sie parallel zur Militäroperation im Gazastreifen eine Kampagne an, die darauf abzuzielen schien, die regierende Hamas-Bewegung handlungsunfähig zu machen.

Bei einer Blitz-Razzia wurden in der Nacht auf Donnerstag im Westjordanland nicht weniger als 64 Hamas-Politiker festgenommen, unter ihnen Finanzminister Omar Abdel-Rasek, sieben weitere Minister, 20 Abgeordnete und die Bürgermeister der Städte Jenin und Kalkilia. Es handle sich nicht um eine Vergeltungsaktion, versicherten israelische Sprecher. Die Festgenommenen seien "keine Geiseln", sondern Mitglieder einer "Mörderorganisation", und man werde auf der Basis der Anti-Terrorgesetze Rechtsverfahren gegen sie einleiten.

Bisher hatte Israel die Hamas-Funktionäre aber nicht angetastet - offensichtlich soll signalisiert werden, dass jetzt neue Spielregeln gelten. Präsident Mahmud Abbas und andere Fatah-Politiker forderten "eine Intervention von dritter Seite"und beklagten die Verhaftung eines Drittels der Regierung als Versuch, "die Institutionen zum Einsturz zu bringen".

Im Gazastreifen sollen Premier Ismail Hanyeh und Außenminister Mahmud Zahar "untergetaucht"sein, weil wiederholten israelischen Drohungen zu entnehmen war, dass sie Ziel von "Liquidierungsaktionen"werden könnten.

Durch die Festnahmen erhofften sich die Israelis anscheinend auch Informationen darüber, wo der 19-jährige Korporal Gilad Shalit festgehalten wird. Bei der Hamas hieß es allerdings, man sei bei ihr an der "falschen Adresse", der politische Flügel der Bewegung habe mit der Entführung nichts zu tun. Die zweite Entführungsaffäre war inzwischen zu einem traurigen Ausgang gelangt, als Eliahu Asheri, ein 18-jähriger Siedler aus dem nördlichen Westjordanland, in Ramallah erschossen aufgefunden wurde.

Ein verhafteter Palästinenser hatte die Armee zu der Leiche geführt. Asheri war offenbar schon kurz nach seiner Entführung am Sonntag erschossen worden, während die radikalen "Volkswiderstandskomitees"noch am Mittwoch behauptet hatten, der Israeli sei in ihrer Hand. Gelöst hat sich am Donnerstag auch das Rätsel um eine von derselben Gruppe reklamierte dritte Entführung - ein abgängiger 62-jähriger Israeli ist eines natürlichen Todes gestorben.

Unvermeidlich schien indessen die Ausweitung der israelischen Offensive auf den nördlichen Gazastreifen. Die an der Grenze konzentrierten Panzer begnügten sich gestern noch mit sporadischem Feuer ins offene Gelände bei Bet Hanoun, von wo aus Palästinenser regelmäßig Kassam-Raketen auf israelische Orte abfeuern. Niemand zweifelte aber daran, dass Israel die "Gelegenheit"nützen würde, sich in einer nächsten Phase mit Bodentruppen in der Zone festzusetzen und die Raketenwerferkommandos zu "jagen".

Hier könnten sich Kämpfe entwickeln, nachdem der Vorstoß in den Raum von Rafah im Süden unblutig verlaufen war. Schon am Mittwoch hatte die israelische Armee aus der Luft Flugblätter abgeworfen, in denen die Zivilbevölkerung im Gazastreifen aufgerufen wurde, die Region zu verlassen.

Tiefflug über Assads Residenz

Jerusalem/Damaskus - Zwei israelische Kampfjets sind am Mittwoch in den syrischen Luftraum eingedrungen und flogen dann in niedriger Höhe über eine Sommerresidenz des syrischen Staatschef Bashar al-Assad, wie am Donnerstag aus israelischen Medien bekannt wurde. Assad soll sich in der Residenz in der Hafenstadt Latakia aufgehalten haben.

Das Informationsministerium in Damaskus sprach von einem "aggressiven Akt und einer Provokation". Die Flugabwehr feuerte auf die Maschinen. Israel beschuldigt den Führer des Hamas-Politbüros, den in Syrien lebenden Khaled Mechaal, den Überfall auf die Einheit des Soldaten Shalit angeordnet zu haben. Mit dem Tiefflug sollte Assad offenbar vor israelischen Vergeltungsschlägen gewarnt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 30. Juni 2006)

Zweites Entführungsopfer: Asheri (18) wurde erschossen. Foto: AP

Von Ben Segenreich aus Tel Aviv
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    Leere Sitzreihen in palästinensischen Parlament in Ramallah. Die israelische Armee nahm am Donnerstag mindestens 64 Minister, Abgeordnete und Bürgermeister fest, nachdem die Leiche eines entführten jüdischen Siedlers gefunden wurde.

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    Ein israelischer Soldat beobachtet den Abschuss eines Artilleriegeschoßes in den nördlichen Teil des Gazastreifens. Im Süden soll der Soldat Gilad Shalit festgehalten werden.

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    Ein Sprecher der radikalen palästinensischen "Volksbefreiungskomitee" zeigt die ID-Card des entführten jüdischen Siedlers Eliahu Asheri, dessen Leiche am Donnerstag gefunden wurde

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