Wurmkontrolle

8. August 2006, 10:20
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Tierschutz für den Wurm, bevor er in der Hölle der Magensäure landet - Oder: Plädoyer für ein rigoroses Kirschwurm-Aufspürverbot

+++Pro
Von Markus Mittringer

Wurmkontrolle? Unbedingt! Alles andere ist ekelhaft, widerlich, intolerabel und unverzeihlich. Und gemein sowieso. Nicht dass gegen ein wenig tierisches Eiweiß auch nur irgendetwas einzuwenden wäre - noch dazu, wenn es sich etwa in einer Himbeere oder Kirsche in einem optimalen Verhältnis zu Obst und also Ballaststoffen und Vitaminen findet. Und wer so einen Kirschwurm einmal genauer unter die Lupe nimmt, wird feststellen, dass der ebenso gschmackig ausschaut wie ein Scampo. Und die Frische des Wurmes ist, ganz im Gegensatz zur Beschaffenheit des Scampo, selbst für Laien ganz einfach an dessen Bewegungsfreude zu ermessen. Und so müsste man jetzt sagen, der Wurm gehört zum Obst wie der Senf in die Vinaigrette, wie das Salz zum Ei oder die Butter aufs Brot. Aber: Der Tierschutz! So ein Wurm macht ein wahres Martyrium durch, noch ehe er in der Hölle der Magensäure gelandet ist. Und womöglich muss mancher auch noch die ersten verschlungenen Meter Darm mitmachen! Also: Wurmkontrolle ja! - aber artgerecht. Ganz vorsichtig aus der Kirsche schälen und sofort wieder aussetzen. Aus dem Fruchtfleisch kann man dann ja Sirup machen.

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Contra---
Von Daniel Glattauer

Kirschwürmer sind geschmacklos, deshalb schmeckt eine wurmlose Kirsche - gleich einer wurmbewohnten - nach Kirsche. Der Kirschwurm gilt als genießbar, gut verdaulich und verträglich, selbst für Vegetarier. Man muss nur damit leben können, dass er noch lebt, wenn er mit der Kirsche den Canossagang in den Magen antritt. Mit etwas Pech spaltet ihn bereits vorher ein Schneidezahn. Bisweilen erdrückt ihn die Zunge. Mitunter bleibt er im Zahnfleisch stecken und erstickt. Das sind zwar Wurmschicksale, aber ohne solche ist leider nicht gut Kirschenessen.

Kritisch wird es einzig, wenn man ihn vor dem Fruchtverzehr zu Gesicht bekommt. Denn der Kirschwurm ist nicht nur geschmacklos, er bewegt sich auch so, krümmt sich schamlos, rollt sich vulgär zusammen, streckt sich obszön in die Länge, wurlt unschön herum. Wer ihn einmal vor Augen hat, kann ihn nie und nimmer mehr schlucken. Solche Bilder vergisst man nicht. Deshalb plädiere ich für ein rigoroses Kirschwurm-Aufspürverbot. Sonst rühren wir bald kein Obst mehr an, die Kirschen verfaulen uns, und die Würmer regieren die Welt. Also: Augen zu und runter damit.
(Der Standard/rondo/30/06/2006)

  • Artikelbild
    foto: der standard/matthias cremer
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