"Umweltproteste? In dieser Gegend wohnt ja niemand"

4. Juli 2006, 12:19
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Russland will über eine neue Pipeline unter der Ostsee Gas nach Westeuropa schleusen

Tichwin - Ab 2010 sollen knapp 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus dem hohen Norden Russlands über eine unter der Ostsee verlegte Pipeline auf direktem Weg nach Deutschland fließen. Im russischen Abschnitt wird bereits seit Wochen Tag und Nacht gearbeitet. Das Camp gibt es seit vergangenem Herbst. Von der Straße aus meint man, auf einen Lagerplatz mit überdimensionierten Rohren zuzusteuern - Rohre für die Gasleitung, die 80 km nördlich der russischen Stadt Tichwin verlegt wird. Durch die Pipeline soll ab 2010 Gas aus den Feldern Westsibiriens nach Deutschland, Holland und Großbritannien fließen - tief unter der Nordsee, vorbei an Polen und den baltischen Staaten.

Die vermeintlichen Rohre entpuppen sich als mit Blech verkleidete Behausungen mit Thermo-Isolierung: "Im Sommer ist es da drinnen vergleichsweise kühl,"sagt Alexej. Mit der linken Hand weist er auf den Wohnbehälter, mit der rechten wischt er sich den Schweiß von der Stirn. 30 Grad sind im Sommer in dieser Gegend keine Seltenheit. Im Winter, sagt Alexej, sei zu hoffen, dass der gegenteilige Effekt eintritt.

Alexej hat vor rund 2,5 Monaten seinen Lebensmittelpunkt hierher verlegt. Er ist Schweißer und stammt aus Nowosibirsk, einige Flugstunden hinter dem Ural. Seine Familie sieht er mehr als drei Wochen nicht. "Wir arbeiten 25 Tage, dann gibt es 25 Tage Heimurlaub", sagt Igor, ein Kollege von Alexej. Als Schlosser verdienen beide umgerechnet knapp 800 Euro im Monat. Eine gute Bezahlung für russische Verhältnisse; Lehrer in staatlichen Schulen kommen kaum auf 300 Euro. "Für die harte Arbeit, die wir machen, ist das nicht übertrieben viel", sagt Igor.

Arbeit rund um die Uhr

Mit Alexej und Igor leben rund weitere 200 Personen in dem Camp. Ihr Arbeitsplatz liegt eine knappe Autostunde nördlich in einem Mischwald. Dorthin geht's per Bus.

In einem bis zu 45 Meter breiten, von Bäumen befreiten Streifen werden Gräben gebaggert, Rohre gestückelt, geschweißt und verlegt. Gearbeitet wird in zwei Schichten - zwölf Stunden bei Tag, zwölf Stunden in der Nacht. Mehr als ein halber Kilometer Rohrleitung wird in dieser Zeit vergraben. "Sofern keine Komplikationen auftreten", wie der Vizechef der für den russischen Landabschnitt zuständigen Projektgesellschaft, Oleg Lebedev, anfügt. Als Herausforderung könnten sich die zwei Flüsse herausstellen, die von der Pipeline auf dem Weg von Gryazovets (siehe Grafik)nach Wyborg an der finnischen Grenze zu unterqueren sind. Ab dort geht es hinein in die Ostsee. Die Leitung kommt bei Greifswald im Nordosten Deutschlands an Land und geht bis Harlingen in den Niederlanden.

Der 1200 km lange Ostseeabschnitt wird von der North European Gas Pipeline Company (Nordeuropäische Gaspipeline) gebaut. Die Baukosten werden auf rund fünf Mrd. Euro geschätzt. Der russische Gasmonopolist Gasprom, der das Gas für die neue Pipeline liefern wird, hält mit 51 Prozent die Mehrheit. Mit jeweils 24,5 Prozent sind die deutschen Unternehmen BASF und Eon dabei. Diese haben zugesichert, ihre Anteile auf je 20 Prozent zu reduzieren, sodass die niederländische Gas-unie mit neun Prozent in das Konsortium einsteigen kann. Damit will sich Gasprom Zugang zur bereits fertig gebauten Gasleitung von Harlingen nach Südengland sichern.

Für den Bau des 917 km langen Streckenabschnitts auf russischem Gebiet ist Gasprom zuständig. Heuer sollen 144 km geschafft werden. "Wir liegen voll im Plan", sagt Vizechef Lebedev.

Die zwölf Meter langen, 1,5 Meter dicken Rohre stammen aus einem Werk bei Nischni Nowgorod. Sie müssen aus Sicherheitsgründen in einer Tiefe von mindestens eineinhalb Meter vergraben sein. Proteste von Umweltschützern gebe es nicht, sagt Natalia Peterson, die für Gasprom die Auswirkungen der Bauarbeiten auf die Umwelt untersucht und bewertet. "In dieser Gegend wohnt ja niemand." (Günther Strobl, Tichwin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2006)

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