Kein schönes Land in dieser Zeit

29. Juni 2006, 14:17
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Juve-Manager Pessotto hat sich aus dem Fens­ter gestürzt, der Wett­skandal-Prozess fängt an, und das Team soll gegen die Ukraine siegen

Turin - Am Freitag in Hamburg (21) hat Italien gegen die Ukraine eine sehr realistische Chance, erstmals seit 1994 in ein WM-Halbfinale einzuziehen. Freilich gilt die Konzentration des Teams im Moment anderem. Sie gilt Gianluca Pessotto, der am Dienstag offenbar einen Selbstmordversuch unternommen hatte. "Die Atmosphäre ist sehr trüb. Jetzt aber werden wir alles geben, um auch für ihn den Titel zu holen", sagt etwa Verteidiger Fabio Cannavaro.

Vor einem Monat wurde der Ex-Internationale Pessetto zum Generalmanager von Juventus Turin ernannt. Dienstag hat er sich, mit einem Rosenkranz in der Hand, aus dem Fenster des Klubhauses in den Innenhof gestürzt und dabei Knochenbrüche und innere Verletzungen erlitten. Er schwebt in Lebensgefahr. Ehefrau Reana: "Er hatte Angst, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein."

Der 35 Jahre alte 22fache Nationalspieler hatte am Ende der abgelaufenen Saison nach elf Jahren bei Juve seine Laufbahn als Aktiver beendet. Am 27. Mai wechselte er ins Management, zu einer Zeit, da über Juventus schon der Wettskandal und der drohende Zwangsabstieg hereingebrochen war. Die Affäre, die den gesamten italienischen Profifußball erschüttert - zehn von 20 Erstligavereinen scheinen involviert -, geht heute mit dem Beginn des Prozesses vor dem römischen Sportgericht in die nächste Runde.

Kein Monster

Der mutmaßliche Drahtzieher der Ergebnis-Manipulationen, Luciano Moggi, Vorgänger von Pessotto, hat sich inzwischen zu Wort gemeldet und gemeint: "Ich bin kein Monster", um dann den zurückgetretenen Fußball-Präsidenten Franco Carraro und den AC Milan quasi der Initialzündung zu beschuldigen: "Wir haben uns nur gegen Carraro verteidigt, der gegen Juve war."Außerdem liege die Macht im Fußball beim Fernsehen, also bei Silvio Berlusconi und seinem AC Milan.

Dem kann die neue Sportministerin, Giovanna Melandri, durchaus folgen. Deshalb ist sie gerade dabei, wieder die kollektive Vermarktung der TV-Rechte anzuordnen. Berlusconis Mediengesellschaft Mediaset hat im Jänner ein Abkommen mit Juve geschlossen. Demnach will Mediaset Juve ab der Saison 2007/2008 für zwei Spielzeiten 218 Millionen Euro für die Übertragungsrechte zahlen. So Juve nicht absteigen muss. "Die enorme Geldmenge, die der Fußball dank des individuellen Verkaufs der TV-Rechte kassiert, hat große Ungerechtigkeiten verursacht. Man muss eine fairere Verteilung der Gelder garantieren", erklärte die Ministerin. (sid, wei - DER STANDARD PRINTAUSGABE 29.6. 2006)

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    Februar 2005, Champions League: Juves Gianluca Pessotto (li.) und Alessandro del Piero üben für Real. Am Dienstag besuchte Del Piero Pessotto im Turiner Spital.

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