Ehrenrunde des großen alten Mannes

28. Juni 2006, 19:15
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Kopf des Tages: Zinédine Zidane versüßte sich den Abschied durch ein 3:1 über Spanien

Zinédine Zidane ist - das zu sagen grenzt an den Transport von Eulen nach Athen - ein hervorragender Fußballspieler, einer der ganz wenigen Begnadeten, von denen sich sagen lässt, dass sie Fußball nicht nur spielen, sondern sind. Zinédine Zidane ist aber weit mehr als das. Er ist - über den Fußball hinaus - ein Symbol, sozusagen das gelungen Französische an Frankreich, und über die Jahre zu einer Integrationsfigur in einem gerade diesbezüglich ziemlich bedrängten Land gewachsen.

Als Kind algerischer Einwanderer kam Zidane am 23. Juni 1972 in Marseille auf die Welt, in jener Stadt, in der auch Le Pens Front National zu schrecklicher Größe gebläht wurde. "Auf den Straßen von Marseille", erzählt Zidane in der gängigen, mythologisierenden Diktion, habe er das Spiel erlernt, angeleitet von seinem um drei Jahre älteren Bruder Nordine. Gemeinsam kickten sie in der Banlieue La Castellane in einer Bubenpartie namens "La Foresta".

Dem Mythos zum Trotz ist das Genie Zidane natürlich nicht vom Himmel gefallen. Früh wurde das Talent entdeckt, er wechselte als 14-Jähriger aufs Fußballinternat des AS Cannes, in dem sich Guy Lacombe, ein früherer Internationaler, um den kleinen Algerier kümmerte, in ihm den Keim zu jener taktischen Übersicht legte, die Zidanes Spiel bis heute auszeichnet.

Noch nicht 17, debütierte er bei Cannes in der Kampfmannschaft, wechselte später zu Bordeaux, von wo er zu Juventus Turin ging, zu einem Verein, der sich gerne an Michel Platini erinnerte, mit dem Zidane nun immer öfter verglichen wurde.

Den Vergleich mag Zidane nicht sehr. Und Platini wohl auch nicht, zu schmeichelhaft wäre er für den Organisator der Heim-WM 1998, bei der Zidane sich endgültig in die Herzen nicht nur der Franzosen spielte. Mit ihm und - so sagen viele - durch ihn wurde Frankreich Weltmeister und, zwei Jahre später, Europameister. Er war Weltfußballer der Jahre 1998, 2000 und 2003, Champions-League-Sieger mit Real Madrid 2002.

Nach dem Viertelfinal-Out gegen Griechenland bei der EM in Portugal zog Zidane sich vom Team zurück. Ein Jahr später reaktivierte er sich selbst, um bei der WM quasi eine Ehrenrunde zu drehen, was die schwachen Vorstellungen der Franzosen aber zu vereiteln schienen.

Nach dem 3:1 gegen Spanien, zu dem Zidane nicht nur das dritte Tor beitrug, kann aus dieser Ehrenrunde doch noch was werden. Im Viertelfinale wartet Brasilien. Und Zidane prophezeit: "Unser Abenteuer geht weiter."

Und ist es aus, zieht er sich mit Gattin Véronique und den vier Söhnen Enzo, Luca, Theo und Elyaz an den Genfer See zurück. Vor Kurzem ist der Alte 34 geworden - jung für einen Mann. Und dennoch ist die Welt schon voll schöner Erinnerungen an ihn. (Wolfgang Weißgram - DER STANDARD PRINTAUSGABE 29.6. 2006)

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