Ballschauen im Kalorienhimmel

28. Juni 2006, 22:37
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Was treibt heimische Fußballfans in diesen hitzigen Tagen durch halbe Städte? Open-Air WM-Schauen, etwa in der Wiener Krieau, aus der niemand hungrig und unbeschenkt zurückkehren muss

Wien - Christine Hölzel (49) aus Wien-Döbling trägt kein knallblau-grünes Fußballkapperl. Auch zum Klappern mit knallblau/-grünen Plastikhänden oder zum Tröten in knallblaue Papptrompeten mit ORF-Logo, wie sie am Eingang der Krieauer WM-Arena verteilt werden, ist ihr nicht zumute. Vielmehr, erzählt die Köchin am Wiener AKH, habe sie an diesem heißen Tag die pure Fußballliebe quer durch die halbe Stadt in den Prater getrieben: "Mein Großvater hat beim Sportklub gekickt. Ich schau mir jedes Spiel an."

Das Schwitzen unter Gleichgesinnten, vor der "46 Quadratmeter großen, tageslichttauglichen LED-Leinwand", ist ihr zu diesem Zweck lieber als das Schwitzen allein, daheim, vor dem Patschenkino. Wegen "der Atmosphäre", die zu diesem Zeitpunkt - Brasiliens Adriano hat in der 45. Spielminute eben den Ball zum 2:0 gegen Ghana ins Netz expediert - von einer Gruppe Lateinamerika-Fans bestimmt wird.

Die haben einen der Biertische erklommen, die den Zuschauern zum Abstellen von Plastik(bier)bechern und Tellern dienen. Im Schnitzel- und Dönerdunst tanzt eine junge Frau Samba, zwei Männer halten einander umschlungen: Grün-gelb-blaues Stadionfeeling in der Gastronomiekurve - in der vom Imbissständen umringten WM-Arena ist es zur nächsten Kalorienwuchtel nirgends weiter als 20 Meter.

Dieser Umstand stößt Manfred Spichtinger bitter auf. Eine Halbzeit lang hat sich der 53-Jährige an einem einzigen Softdrink festgehalten. "Ansonsten wirst du hier in 90 Minuten locker 30 Euro los", warnt er und freut sich in aller kulinarischer Selbstbeschränkung bereits auf das WM-Finale in der Krieau. Wegen "der Atmosphäre".

Diese sei im Großen und Ganzen "friedlich", schildert der junge Mann vom ORF-Infopoint: "Gewalt hatten wir hier bisher noch nie"- selbst als es "gesteckt voll"gewesen sei, weil "die Deutschen gespielt haben", was während dieser Österreicher-freien WM erfahrungsgemäß die meisten Zuschauer anlocke. Auch Hitze bedingte Probleme hätten sich bisher in Grenzen gehalten - dabei blinzeln an diesem frühen Spielabend zwei Drittel aller Leinwandschauer in die stechenden Sonnenstrahlen: Auch das ist der Preis für das gestochen scharfe Übertragungsbild, auf dem - befände es sich im Gegenlicht - wohl überhaupt nichts zu erkennen wäre.

Sie hätte sich dieses Spiel viel lieber daheim auf dem Sofa angeschaut, gesteht Prater-Anrainerin Bettina Schuckert, die auf einer Bierbank in der Sonne ausharrt. Aber dann sei das Fahrrad ihres Sohnes (7) in der Prater Hauptallee zu Bruch gegangen, und jetzt sei der Bub nicht mehr von den vielen Werbegeschenken wegzubringen. Vor allem von den blauen Papptrompeten: Schuckert greift zu und zieht dem Kind eine Tröte aus dem Mund. Der Bub macht kehrt und holt sich die nächste.

Das Tröten und Klappern wird lauter, das Spiel ist aus. 3:0 und Viertelfinalaufstieg für die Südamerikaner. Die tanzende Brasilianerin entrollt eine Nationalflagge, aber Christine Hölzel bleibt still: Ihr sei es, wie gesagt, ums Spiel gegangen - und in diesem Sinne habe sie "den Außenseitern aus Ghana die Daumen gehalten". (Irene Brickner - DER STANDARD PRINTAUSGABE 29.6. 2006)

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