Stammeskunst im Hôtel Drouot

28. Juni 2006, 18:45
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Weltrekordserie für die Sammlung der Händlerdynastie Vérité

Paris - Schade, dass der österreichische Markt das Segment Tribal Art bis dato den Städten Paris und New York überlässt, denn dieses Gebiet ist extrem expansiv. Die Sammlung der Händlerdynastie Vérité, die ab den 20er-Jahren und bis 1995 mit Stammeskunstobjekten handelte, kam am 17. und 18. Juni im Hôtel Drouot unter den Hammer.

Mit den erzielten 44 Millionen Euro (mehr als das Doppelte der Höchstschätzung) wurde diese 514 Lose umfassende Auktion zur höchst dotierten Stammeskunst-Versteigerung aller Zeiten. Der letzte, im Vorjahr in Paris aufgestellte Weltrekord (2,4 Millionen Euro) wurde dreimal überboten: Das Spitzenlos, eine helle Holzmaske des Geheimbundes Ngil der Fang aus Gabun, erzielte 5,9 Millionen €(Taxe 1-1,5 Millionen €).

In der ersten Etage des Hôtel Drouot waren alle Säle für die Vérité Auktion reserviert. Jeweils 1000 Menschen nahmen an den drei Sitzungen teil, die in vier Sälen gleichzeitig via Video und mit zwei Versteigerern abgehalten wurden. An den zwei Besichtigungstagen hatten 15.000 Interessierte die von den Experten Alain de Monbrison und Pierre Amrouche, sowie dem ehemaligen Versteigerer Guy Loudmer und seiner Partnerin Marie-Laure Terrin-Amrouche bestens präsentierten Objekte begutachtet. Die beiden letzten haben zum aktuellen Anlass ein neues Auktionshaus - Enchères Rive Gauche - gegründet, weil Guy Loudmer wegen einer strafrechtlichen Verurteilung nicht mehr versteigern darf.

Aufgrund seiner Sachkenntnis und guten Beziehungen stellte Loudmer trotzdem die besten Stammeskunstauktionen der letzten zwanzig Jahre (René Gaffé, André Breton, sowie die von ihm bis 1995 geleiteten) auf die Beine. Die Auktion fand kurz vor der Eröffnung des neuen Pariser Stammeskunstmuseums, dem Musée du Quai Branly, statt. Deswegen waren die Übersee-Sammler und Händler, plus Schweizer, Deutsche, Belgier und selbstverständlich Franzosen in großer Zahl angereist.

Die Amerikaner, wegen der Schwäche des Dollars und der extrem hohen Zuschläge, gingen oft mit leeren Händen aus. Aber z. B. der Sammler James Ross konnte ein halbes Dutzend Statuen und Masken mit über den Teich nehmen. Achtmal wurde die 1-Millionen-Euro-Grenze überschritten und 46-mal der 150.000 Euro Hammerpreis, da etwa 50 Lose von absoluter Spitzenqualität waren.

Der weltweit zweithöchste Zuschlag wurde für ein Meisterwerk der afrikanischen Kunst, eine aus dunklem Holz kurvenreich geschnitzte Jägerstatue Tschokwe aus Angola in der Höhe von 3,78 Millionen Euro bewilligt. Guy Loudmer hatte 1992 eine praktisch identische Statue für umgerechnet 300.000 Euro netto zugeschlagen. Da Sotheby's, Christie's, Artcurial-Briest-Poulain-Le Fur-F.Tajan und Fraysse ebenfalls Stammeskunst-Auktionen in Paris organisieren, dominiert die Seine-Stadt derzeit weltweit vor New York. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2006)

Von Olga Grimm-Weissert
  • Die helle Holzmaske des Geheimbundes Ngil der Fang aus Gabun erzielte 5,9 Millionen Euro.
    foto: katalog

    Die helle Holzmaske des Geheimbundes Ngil der Fang aus Gabun erzielte 5,9 Millionen Euro.

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