Gerichtsgeschichte: Misshandeltes Baby - Prozess muss wiederholt werden

30. Juni 2006, 11:53
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Laienrichter sahen fahrlässige Tötung - Berufsrichter setzten Urteil aus

Wien – Ein junger Vater hat seine Tochter in ihren ersten Lebensmonaten mit der Faust geschlagen. Er hat ihr die Rippen gebrochen. Er hat sie auf die Couch geworfen, immer wieder heftig durchgeschüttelt und vielleicht sogar gegen die Wand geworfen. Das Kind ist nach einem halben Jahr im Tiefschlaf an den Folgen der Misshandlungen gestorben. Mord? Alle acht Stimmen: Nein. Absichtliche schwere Körperverletzung mit Todesfolge? Acht Stimmen: Nein. Körperverletzung mit tödlichem Ausgang? Vier Stimmen: Nein. Fahrlässige Tötung? Sieben Stimmen: Ja. (Strafrahmen: höchstens ein Jahr Haft.) Aber die Stimme, die zählt, die der Richterin, korrigiert: "Der Spruch der Geschworenen beruht auf einer irrtümlichen Beweiswürdigung." Das Urteil wird ausgesetzt. Der Prozess muss im Herbst wiederholt werden.

Ohnmacht folgten Gewaltausbrüche

Was mag die Laienrichter zu solch erstaunlicher Milde bewogen haben? – Der Mann heißt Stefan, ist 21 Jahre alt, kommt vom Land, sieht normal aus, benimmt sich ordentlich, redet höflich, bittet (indirekt) um Verzeihung, kann sein Handeln zwar gestehen, aber selbst nicht verstehen. Als Kind war er Ministrant, als Jugendlicher bei der Feuerwehr. Die Kfz-Technikerlehre hat er abgeschlossen. Zuletzt war er Sanitäter beim Zivildienst. Trinkt keinen Alkohol, nimmt keine Drogen. Die Mama war stolz auf ihn. Freundin Barbara zählte auf ihn. Sie freuten sich auf Iris-Maria.

"Er war ein liebevoller Vater", beschwören Zeugen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis war er dem weinenden Baby nicht gewachsen, baute Aggressionen auf, wenn Iris-Maria durch nichts zu beruhigen war. Seiner Ohnmacht folgten Gewaltausbrüche.

Analoge Ausbrüche sind wieder zu erwarten

Zwei routinierte Psychiater erkennen nichts Krankes an Stefan. Sie retten sich verbal in eine "hochgradige Persönlichkeitsstörung", die sich entwickelt habe, wie ein Baum, der durch steten Westwind dazu genötigt wurde, schief zu wachsen. Woher bei Stefan der Wind kam, bleibt unbeantwortet. Das Böseste, das ihm von den Experten nachgesagt wird: "ein hohes Maß an Naivität und Einfältigkeit" im Umgang mit dem Baby. Und, zur Sicherheit, eine negative Prognose: "Analoge Ausbrüche gegen Schwächere sind wieder zu erwarten." Das hätten die Geschworenen mit ihrem Urteil in Kauf genommen. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 29.6.2006)

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