"Auf die Tour freut man sich nicht"

28. Juni 2006, 20:32
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Georg Totschnig strebt einen Platz unter den Top fünf an und glaubt an eine Verbesserung im Zeitfahren - ein STANDARD-Interview

Standard: Sie haben 2004 eine Etappe der Tour de Suisse gewonnen, waren in der Gesamtwertung Vierter und haben dann bei der Tour de France Platz sieben belegt. Im Vorjahr reichte es nach einer weniger berauschenden Tour de Suisse gar zu einem Tour-Etappensieg. Heuer war in der Schweiz ebenfalls wenig zu holen. Ist das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Totschnig: Dass ich in der Schweiz keinen Spitzenplatz belegt habe, macht mich nicht unbedingt nervös, obwohl man ja nie genug Selbstvertrauen aufbauen kann. Zunächst war ich schon etwas enttäuscht, aber meine Tour de Suisse war auch heuer nicht schlecht. Ich hatte nur an einem Tag echte Probleme, mit den Besten mit zu kommen. Seither habe ich aber gut trainiert und auch nach längeren Ausflügen in den Bergen noch Kraft übrig gehabt.

Standard: Ist die Hochform schon erreicht, oder kommt die erst während der Tour? Kann man sich quasi einrollen?
Totschnig: Das ist schwierig, weil man schon zu hundert Prozent bereit sein sollte, um nicht in der traditionell hektischen ersten Woche Überraschungen zu erleben. Ich habe das Gefühl, dass die Form jetzt schon gut passt.

Standard: Die Form wofür?
Totschnig: Ich war schon einmal Gesamtsiebenter. Diesmal will ich unter die besten Fünf kommen. Sollte ich aber zum Beispiel im ersten langen Zeitfahren schon fünf Minuten verlieren, werde ich probieren, wieder eine Etappe zu gewinnen.

Standard: Gerade das Zeitfahren nahm in der Vorbereitung einen wichtigen Platz ein.
Totschnig: Ich habe mich da sicher verbessert, auch was das Material betrifft. In der Schweiz war ich auch nicht so schlecht dabei, aber im Zeitfahren kann viel passieren.

Standard: Welches Teilstück würde sich für eine Wiederholung des Etappensieges aus dem Vorjahr anbieten? Die einzelnen Bergetappen abgefahren sind Sie heuer nicht.
Totschnig: Das eingeschobene Höhentrainingslager in St. Moritz war mir wichtiger. Außerdem gibt es praktisch keine Bergetappe, die ich nicht schon aus eigener Anschauung kenne. Es wird also keine Überraschungen geben. Aussuchen kann man sich keinen Tag. Rennsituation und Verfassung entscheiden. Das hat im Vorjahr auf dem Weg nach Ax-3-Domaines alles gepasst.

Standard: Sie gehen in Ihre achte Tour de France. Freut man sich auf so ein Rennen?
Totschnig: Auf eine Tour de France kann man sich nicht freuen. Die Freude kommt erst, wenn man seine Erwartungen erfüllt oder sogar übertroffen hat. Niemand quält sich gerne wochenlang. Und ich bin auch nicht gerne so lange von meiner Familie getrennt. Eine gewisse Leidenschaft für den Sport ist notwendig, um sich das anzutun.

Standard: Fürchten Sie, dass sich die Doping-Anschuldigungen gegen Jan Ullrich ähnlich verheerend auf die Tour auswirken könnten wie 1998, als es nach Auffliegen des Dopingskandals um das Festina-Team und ständigen Ermittlungen bei den Teams sogar einen Fahrerstreik gegeben hatte?
Totschnig: Rechnen muss man mit allem. Ich finde es nur seltsam, dass so etwas ein paar Tage vor dem Tourstart in einer spanischen Zeitung lanciert wird, ohne dass hieb- und stichfeste Beweise vorgelegt werden können. Man wird ja sehen, was davon übrig bleibt. (Sigi Lützow - DER STANDARD PRINTAUSGABE 29.6. 2006)

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