Von der Relativität des Experiments

28. Juni 2006, 18:47
posten

Sergio Mendes, der nach zehnjähriger Pause soeben ein neues Album veröffentlichte, tritt beim Jazzfest Wien auf

Wien – "Sogar mein 19-jähriger Sohn findet mich zurzeit cool." Dass Sergio Mendes sich – mit sichtlicher Genugtuung – auf seinen eigenen Nachwuchs als Hipness-Instanz beruft, das liegt in der Natur seines aktuellen Wirkens. Nach zehnjähriger Pause legte der 65-Jährige soeben einen neuen Tonträger namens Timeless (Universal) vor.

Mit dem er – in Kooperation mit dem 31-jährigen William Adams alias will.i.am, seines Zeichens Mastermind der HipHop-Crossoveristen der Black Eyed Peas – gleichsam alten Wein in neue Schläuche füllt. "will.i.am kontaktierte mich, um an einem Song für das Album Elephunk der Black Eyed Peas mitzuwirken", rekapituliert Mendes die Entstehungsgeschichte. "Er kam in mein Haus mit einigen meiner alten Platten, ich spürte seine Begeisterung für brasilianische Musik – und der Funke sprang über. Also fragte ich ihn, ob er die brasilianischen Lieder in seine HipHop-Welt übersetzen wolle. Er wollte – und das ist das Album. Ich habe immer gerne experimentiert ..."

Aufgepeppt mit einer ganzen Latte von Gaststars zwischen Stevie Wonder, Erykah Badu, Justin Timberlake u. a. hat Timeless tatsächlich mitunter frische, knackige Remakes altbekannter Mendes- Cover-Hits wie Mas Que Nada oder Samba da bencao zu bieten. Was indessen verblüfft, ist ein Wörtchen, das im Laufe des Interviews wiederholt auftaucht: Dass der (gemessen an Plattenverkäufen) erfolgreichste brasilianische Musiker aller Zeiten von sich als Experimentator spricht, das scheint doch etwas kühn. Ist doch Mendes der Erfinder jenes von vokalen Background- Unisoni geprägten Easy-Listening-Bossa-Nova-Sounds, der mittlerweile längst in Richtung Fahrstuhlmusik weichgespült wurde.

"Ich bin kein Komponist", hält Mendes dagegen. "Ich sehe mich mehr als Arrangeur und Pianist. Für mich ist es interessanter, etwas wieder aufzugreifen, das melodische und harmonische Substanz hat, um es zu verändern, anstatt einen Tune zu schreiben. Wie das eingeordnet wird oder wie kommerziell das ist, darüber denke ich nicht nach. Ich tue, was ich tue."

Zudem, so gibt Mendes, den die Bossa-Nova-Welle als jungen Jazzpianisten 1962 aus Rio de Janeiro nach New York spülte und der heute in Los Angeles lebt, mit zu bedenken, sei der erwähnte Sound seiner Band Brasil '66, deren Cover-Versionen von The Look Of Love, Scarborough Fair oder The Fool On The Hill bald die Charts stürmten, anfangs tatsächlich eine frische, ungehörte Farbe gewesen.

Auf die Frage nach besonderen Momenten seiner Karriere nennt er interessanterweise – noch vor der Zusammenarbeit mit Frank Sinatra – dennoch die Kooperation mit Jazzsaxofonist Julian "Cannonball" Adderley für dessen Bossa-Nova- Platte 1964. Auf die Frage nach Enttäuschungen weiß er – nach langem Nachdenken – nur von einer außermusikalischen zu berichten: "Ich erinnere mich, als Neunjähriger im Radio miterlebt zu haben, wie Brasilien 1950 im Maracana-Stadion von Rio das WM- Finale gegen Uruguay verlor. Das war ein trauriger Tag!" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2006)

Von
Andreas Felber

Termine

Sergio Mendes live am 3. Juli. Weitere Highlights des Jazzfests Wien: Ryuichi Sakamoto (29.6.), Chick Corea (1. 7.), Herbie Hancock (4. 7.), Randy Newman (5. 7.), Neville Brothers (7. 7.).

viennajazz.org

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sergio Mendes

Share if you care.