Wenn Kunst auf Reisen geht

27. Juli 2006, 14:22
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135 Millionen Dollar für Klimts "Adele": der Rekordkauf wirft wieder Fragen nach dem idealen Transport teurer Kunstwerke auf

Der Geruch nach Pferdemist im Frachtraum der Boeing 747 war unverkennbar. Erst wenige Tage davor hatte man Rennpferde von Frankfurt nach Washington transportiert. Auf dem Rückweg beherbergte die Maschine der Lufthansa Cargo eine für Kunsthistoriker nicht weniger rassige Ladung: Peter Paul Rubens großformatiges Gemälde "Daniel in der Löwengrube", das von der Washingtoner National Gallery erstmals als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde.

Die wertvolle Fracht landete gut in Wien, wo sie in der Albertina im Herbst 2004 zwölf Wochen lang als Hauptattraktion glänzte. Das 2,5 mal 3,5 Meter große Ölbild durfte laut Vorgaben der amerikanischen Restauratoren nur stehend und sorgsam, in einer monströsen Klimakiste verwahrt, auf Reisen gehen. Ein Lkw- Transport kam für den Leihgeber nicht infrage, und die Albertina musste eine 747 – das einzige Flugzeug, dessen Frachtraum über die notwendige Höhe verfügte – chartern.

Schwierige Etappe

Im Rückblick war dieser Transport für die Albertina die schwierigste und aufwändigste Etappe bei der Übermittlung der zahlreichen Leihgaben. Von den gezeigten 160 Exponaten stammten nur 30 aus eigenem Bestand. Der Rest waren Leihgaben aus 50 Sammlungen aus mehr als 30 Städten Europas und den USA.

Die hinter solchen Ausstellungen steckende logistische Leistung ist unverkennbar. Bei wertvollen Gemälden könnte die Möglichkeit eines Gruppentransports entfallen, wenn in einem Lkw zwar 20 Gemälde Platz fänden, ihr Wert aber die Haftung des einzelnen Transporters deutlich übersteigt. Das Sicherheitsrisiko wird dann auf einen Konvoi verteilt, in manchen Fällen eben mit einem Bild pro Lkw.

Das Gros des für die Rubens- Schau anfallenden Transportaufkommens wickelte man mit eigenen Speditionsunternehmen ab: Kunsttrans zum Beispiel, eine 1974 gegründete österreichische Firma. Spezialisiert auf Kunst- und Ausstellungslogistik bietet man neben der Lagerung von teuren Kunstwerken vor allem Transporte, sowie den damit verbundenen Verpackungsaufwand.

Auflagen erfüllen

Denn anders als bei schnödem Konsumgut gilt es bei der Beförderung von Kunstwerken konservatorische Auflagen zu erfüllen. Luftpolsterfolien oder Kartons bieten oftmals keinen ausreichenden Schutz vor Einwirkungen von außen. Dann müssen maßgeschneiderte Klimakisten her, die das Gemälde vor Schäden durch extreme Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen schützen.

Während bei musealen Institutionen und im Rahmen von Messeevents lediglich in der Auf- und Abbauphase reges Treiben herrscht, fällt bei anderen der Transport artifizieller Objekte von A nach B in die Kategorie Daily Business. Bei Auktionshäusern reicht die Bandbreite von Beförderungen im Handgepäck von Mitarbeitern in Begleitung von Security-Personal, über Transporte vom Einbringungs- zum Versteigerungs- Ort bis hin zu ganzen Ausstellungstourneen für Kunstwerke. Ein Beispiel: In Frankreich entdeckten Experten von Christie's im Herbst 2005 das seit 60 Jahren verschollene Hauptwerk von Egon Schiele "Herbstsonne II / Welke Sonnenblumen". Entsprechend der Nachfrage auf dem internationalen Kunstmarkt sollte es in London zur Versteigerung kommen. Den Wert taxierten die Experten mit fünf bis neun Millionen Euro. Bis zur Auktion im Juni 2006 sollte die höchstmögliche Zahl an einschlägig Interessierten die Pracht des Gemäldes bewundern.

Transporttechnischer Aufwand

Tausende Flugmeilen waren vorprogrammiert. Die Ausstellungstournee umfasste zahlreiche Stationen, darunter New York, Hongkong und für 24 Stunden auch Wien. Da gilt es abgesehen vom transporttechnischen Aufwand auch Ausfuhrlizenzen zu beantragen, Vorgaben von Versicherungen zu berücksichtigen und Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Meist lohnt sich solch logistisches Tamtam – in diesen Fall wechselte das Kunstwerk für etwas mehr als 17 Millionen Euro den Besitzer.

Logistischen Aufwand müssen natürlich auch Käufer betreiben. Jeder Einzelne sollte sich um den Transport und allen damit verbundenen bürokratischen Notwendigkeiten (Einholung von Kostenvoranschlägen, Exportlizenzen oder Zollbewilligungen) kümmern. Ein arbeitsintensives Unterfangen, auf das sich "ART to move" spezialisiert hat. Seit 2001 bietet die in Köln niedergelassene Agentur für Kunsttransporte ein Leistungsportfolio, das etwa einen Gruppenversand organisiert. Die Transportkosten werden dann geteilt. Dazu kommt eine separat angeführte Organisationsgebühr, insgesamt für den einzelnen Käufer noch immer deutlich günstiger und weniger nervenaufreibend als in Eigenregie durchgeführt. "Wir arbeiten mit einem Netzwerk von Dienstleistern zusammen, mit internationalen Fachspeditionen, Verpackungsspezialisten, Zollagenten und Versicherungen", schildern Sonja Esser und Rosi Boith, die beiden Geschäftsführerinnen.

Beunruhigend spät

Die Hauptklientel sind Auktionshäuser, gefolgt von Privatsammlern und Galeristen. Selbst Ausnahmen wie auf Tieflader durchgeführte Sondertransporte für zeitgenössische Skulpturen und daraus resultierenden Straßensperren bringen hier niemanden aus der Ruhe. Eher noch durch Unwetter bedingte Zeitverzögerungen, wenn Flughäfen gesperrt, Lkws im Schneesturm stecken und zugesicherte Termine nicht eingehalten werden können. Und wenn ein in Düsseldorf sitzender Sammler via Telefon in einer New Yorker Auktion einen prächtigen Luster ersteigert, der künftig das Stiegenhaus seiner Sommerresidenz im spanischen Hinterland zieren soll, dann werden selbst Kleinigkeiten, wie der Gerüstaufbau für die Montage oder der Elektriker vor Ort organisiert. Ein Rundumpaket eben, für jeden Auftrag ganz individuell geschnürt. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2006)

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