Warum fehlt die Bierflasche bloß so?

27. Juli 2006, 14:22
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Der exorbitante Durst auf Bier brachte die Ottakringer Brauerei in eine logistische Bredouille

Eigentlich sollte es ein Segen für jede Brauerei sein, wenn die Konsumenten einen so unersättlichen Durst auf Bier entwickeln, dass sie nicht mehr genug kriegen können – wäre da nicht das logistische Problem, dass der Gerstensaft in wohlgeformte Flaschen gefüllt werden will.

"Bitte bringt uns Leerflaschen und Kisten zurück", lautete der verzweifelte Hilferuf von Ottakringer Anfang Juni. Offensichtlich haben die Österreicher in einem Anflug von Hamsterei so viel Bier in den Kühlschränken gebunkert, dass der Wiener Brauerei wenige Tage vor Start der Fußball-Weltmeisterschaft das Leergut ausging.

"Historischer Engpass"

Die Mischung aus WM-Vorfreude, gutem Wetter und einer intensiven Werbekampagne im Vorfeld des Fußball- Großereignisses hätten einen "exorbitanten Run" auf die "16-Hüls'n", insbesondere die 0,5-Liter-Mehrwegflasche mit dem Drehverschluss, ausgelöst – und zwar in einer "historischen Dimension", wie Ottakringer-Sprecher Thomas Sautner feststellte: "Ottakringer gibt es seit 1837, aber so etwas hat es noch nie gegeben."

Normalerweise werden bei einem sportlichen Event in der Größenordnung der WM täglich zehn Prozent oder 32.000 Flaschen mehr verkauft, tageweise stieg der Absatz jedoch um bis zu 40 Prozent über den üblichen. Dazu kam die überdurchschnittliche Hortung – und alle Erfahrungswerte, nach denen sich Flaschenverkauf und -rücklauf in einem regelmäßigen Kreislauf dreht, waren über den Haufen geworfen.

Logistik überfordert

"Das hat unsere Logistik doch etwas überfordert," musste Ottakringer-Chef Sigi Menz eingestehen. Die Zwischenlager neigten sich dem Ende zu, auch wenn die Geschäftsregale gefüllt sind, wie Sautner betont. Immerhin seien 240.000 Bierkisten und 4,4 Millionen Mehrwegflaschen im Umlauf und der Handel hatte offenbar vorgesorgt – auch wenn der im 16. Wiener Gemeindebezirk beheimatete Familienbetrieb die Gesamtproduktion um ein Drittel drosseln und die Abfüllung von Mehrwegflaschen zeitweise stoppen musste. Dosen, Fässer und 0,3-Liter-Einwegflaschen waren nicht betroffen.

Um die Lücke bis zur nächsten Flaschenlieferung zu überbrücken, werden noch bis Ende Juni leere gegen volle Flaschen getauscht: Die jeweils ersten 20 Konsumenten, die eine Leerkiste zurückbringen, bekommen dafür ein Sechsertragerl "Ottakringer Helles" geschenkt.

Verlockung frisches Bier

Das Locken mit frischem Bier hat gewirkt, auch wenn es laut Sautner "nicht die Rettung" war. "Trotz Pfand gibt es offensichtlich keine hohe Motivation zur Rückgabe. Viele gaben Jahre alte Flaschen zurück," brachte die Aktion auch neue Erkenntnisse. Generell kommen fünf bis zehn Prozent der in Umlauf gebrachten Flaschen nie zurück.

Freitag, hat der publicitywirksame Engpass dann ein Ende und die Lager können wieder langfristig befüllt werden: Eine Lieferung von "einigen 100.000 Flaschen" wird erwartet. Warum nicht früher geliefert werden konnte, erklärt Sautner mit den "besonderen Anforderungen" der grünen "Schulterflasche", deren Produktion im Gegensatz zur herkömmlichen braunen "Nordrhein- Westfalen-Flasche" besonders lange Vorlaufzeiten hätte.

Üblicherweise muss wegen dieser "produktionstechnischen Besonderheiten" jedes Jahr im Vorhinein bestellt werden. Ein Großteil bleibt dann beim Glasproduzenten und kann je nach Bedarf abgefragt werden. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2006)

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    Freitag hat der publicitywirksame Engpass ein Ende und die Lager können wieder langfristig befüllt werden.

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