Türkei erhöht Leitzins erneut drastisch

27. Juli 2006, 13:52
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Insgesamt hat die türkische Währung seit April rund 20 Prozent an Wert verloren

Istanbul - Die türkische Zentralbank hat am Mittwoch den Schlüsselzins erneut drastisch erhöht und damit versucht, den Abwärtstrend der Landeswährung Lira zu stoppen.

Die Notenbank hob den Leitzins für Übernachtkredite um 200 Basispunkte auf 22,25 Prozent an. Damit erhöhte die Zentralbank den Schlüsselzins in diesem Monat insgesamt bereits um sechs Prozentpunkte. Durch diese massive Straffung der Geldpolitik wird es für die Banken teurer, sich bei der Zentralbank Dollar zu beschaffen, was dem gebeutelten Lira-Kurs auch am Mittwoch leicht Auftrieb verlieh. Ein Dollar kostete am Nachmittag rund 1,61 Lira.

Unerwartet hohe Inflationsrate

Insgesamt hat die türkische Währung seit April rund 20 Prozent an Wert verloren. Der Fall war vor allem durch eine mit zehn Prozent unerwartet hohe Inflationsrate im April ausgelöst worden. Hinzu kamen Befürchtungen über ein wachsendes Defizit in der Leistungsbilanz und über die Lage der Weltwirtschaft sowie politische Unsicherheiten in dem EU-Anwärterstaat.

Die Zentralbank reagierte darauf in den vergangenen Tagen auch mit massiven Devisenmarkt-Interventionen. Notenbankchef Durmus Yilmaz sagte der Nachrichtenagentur Reuters, in den letzten 15 Tagen seien mit den verschiedenen Maßnahmen Lira im Wert von rund 3,2 Milliarden Dollar vom Markt genommen worden. Dies werde weitergehen, bis der Abwärtsdruck vom Kurs der Währung komplett gewichen sei.

Kursverluste

An den türkischen Aktienmärkten hatten die Eingriffe der Notenbank in den vergangenen Tagen immer wieder zu Kursverlusten geführt. Vor allem die potenziell negativen Auswirkungen der höheren Zinsen auf das Wirtschaftswachstum machten den Anlegern Sorgen. Für dieses Jahr erwarten Experten einen Zuwachs der Wirtschaftsleistung von fünf Prozent. Am Mittwoch lagen die Aktienkurse überwiegend leicht im Plus.

Die Währungsprobleme in der Türkei lassen Erinnerungen an frühere Wirtschaftskrisen in dem Land aufkommen. So war die Lira Anfang des Jahrzehnts schon einmal abgestürzt, die Inflation zugleich nach oben geschnellt und die Kurse an den Aktienmärkten abgesackt. Der Internationale Währungsfonds musste mit Finanzhilfen zur Seite springen. Damals waren Analysten zufolge vor allem politische Wirren in der Staatsspitze verantwortlich für die Krise. Dieses Mal sind es zwar eher makroökonomische Faktoren, die eine Rolle spielen. Doch auch die politische Unsicherheit mit Blick auf einen EU-Beitritt sowie Spekulationen über Neuwahlen werden von einigen Volkswirten genannt. Die Europäische Union (EU) hat Verhandlungen mit der Türkei aufgenommen, einige Streitpunkte hatten jedoch die Gespräche zuletzt immer wieder überschattet. Ein Beitritt wird frühestens in zehn Jahren erwartet. (APA/Reuters)

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