Gedenken an ersten antikommunistischen Protest

7. Juli 2006, 10:09
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Fünf Präsidenten begingen 50. Jahrestag der blutig niedergeschlagenen Posener Arbeitererhebung

Warschau - Der "erste polnische Schrei gegen den Kommunismus" ertönte vor 50 Jahren in Poznan (Posen), der Handelsmetropole in Westpolen. Am Mittwoch haben im Beisein ausländischer Staatsoberhäupter die Feierlichkeiten anlässlich des 50. Jahrestags des Aufstands gegen das kommunistische Regime begonnen. Neben dem ehemaligen polnischen Arbeiterführer und Ex-Präsidenten Lech Walesa, dem gegenwärtigen Präsidenten Lech Kaczynski und weiteren ranghohen Politikern kamen auch die Staatsoberhäupter Tschechiens, Deutschlands, Ungarns und der Slowakei nach Poznan. Die Posener Demonstrationen erfolgten drei Jahre nach dem Arbeiteraufstand in Ostberlin und fünf Monate vor dem ungarischen Aufstand.

"Besondere Bedeutung"

"Das, was im Juni 1956 in Poznan passierte, hatte eine besondere Bedeutung: Zum ersten Mal in einem solchen Ausmaß sind die Arbeiter, die die Grundlage für das neue System hätten bilden sollen, gegen dieses System aufgestanden", sagte Präsident Kaczynski während der offiziellen Feierlichkeiten. "Und zum ersten Mal wurden sie in diesem Ausmaß von der Macht, die sich Volksmacht nannte, massakriert", fügte er hinzu. Ohne Poznan, hätte es den Arbeiteraufstand von 1970 in Gdansk (Danzig) nicht gegeben. Und ohne "Gdansk 1970" hätte es nicht "Radom 1976" und dann die Gründung der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc im Jahr 1981 gegeben, betonte der frühere Oppositionelle Kaczynski.

Geburtsstunde von Solidarnosc

"Solidarnosc hat in gewissem Sinn in Poznan begonnen", sagte er. Ein Telegramm richtete an die Teilnehmer der Feierlichkeiten Papst Benedikt XVI. Er zeigte sich überzeugt, dass "das vergossene Blut nicht vergeudet wurde, dass es ein Samen der Freiheit war, die Jahre später mit dem Zerfall des stalinistischen Systems und einer Freiheit der Nation ihre Früchte gebracht hat". Lech Walesa, der Gründer der ersten unabhängigen Gewerkschaft Osteuropas, Solidarnosc (Solidarität), rief die Versammelten auf, die "Opfer des Wegs zur Freiheit" besser und klüger für das Wohl des Vaterlands und das Wohl des sich integrierenden Europa zu nützen. Erzbischof Stanislaw Gadecki wies während der feierlichen Messe im Zentrum der Stadt darauf hin, dass die Arbeiter vor 50 Jahren für die Menschenrechte gekämpft haben. Er kritisierte gleichzeitig, dass man gegenwärtig versuche, diese Menschenrechte um das Recht auf Abtreibung, Euthanasie oder homosexuellen Ehen zu erweitern.

Brot und Freiheit

Bei blutigen Zusammenstößen zwischen kommunistischer Miliz und Arbeitern wurden im Juni 1956 laut Schätzungen in Posen 74 Menschen getötet. Die Arbeiter hatten bei Demonstrationen "Brot und Freiheit!" gerufen. Der Massenprotest führte kurz darauf zur Entmachtung der stalinistischen KP-Spitze um Edward Ochab und zur Rückkehr von Wladyslaw Gomulka an die Macht, wodurch eine Liberalisierung des Herrschaftssystems und ein Ausgleich mit der katholischen Kirche eingeleitet wurden. Gomulka war 1948 als Generalsekretär der Partei gestürzt worden; er wurde damals als Rechtsabweichler, "Titoist" und "Nationalist" eingestuft und war 1951-55 in Haft. 1956 sei zu einem "Menetekel für die sowjetische Herrschaft über Mittel- und Osteuropa" geworden - "zuerst hier und wenig später in Ungarn", erklärte der deutsche Präsident Horst Köhler. Der starke Freiheitswille habe sich in Polen nicht mehr unterdrücken lassen. "Von Polen ging schließlich 1980 die Bewegung aus, die dem kommunistischen Regime ein Ende machte". Die Posener Bürger hätten zum heutigen Europa der Freiheit, der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Solidarität Entscheidendes beigetragen. (APA)

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