Heimische Auto-Zulieferbetriebe haben Chancen im Osten "verschlafen"

27. Juli 2006, 14:20
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Infrastrukturausbau kommt "um zehn Jahre zu spät" - Logistikkosten fressen Vorteile durch niedrige Lohnkosten im CEE-Raum teilweise auf

Wien - Österreichs automotive Zulieferindustrie hat ihre Chancen im noch boomenden Markt Osteuropa "weitgehend verschlafen" und die Ansiedlung von Zulieferbetrieben in Ostösterreich "schrecklich vernachlässigt", kritisierte Daniel Palm von der Fraunhofer-Gesellschaft bei einer Podiumsdiskussion Dienstag Abend in Wien. Auch der nun geplante Infrastrukturausbau komme "um 10 Jahre zu spät", nahm Palm zudem die Politik ins Gebet.

In der Automotive Area Eastern Europe (AREE) würden im Jahr 2008 rund 3,2 Millionen Autos gefertigt, strich der stellvertretende Leiter der Fraunhofer-Projektgruppe für Produktionsmanagement und Logistik an der Technischen Universität (TU) Wien die steigende Bedeutung der Region hervor. Problematisch sei allerdings, dass die Zulieferer zwar die Vorteile der niedrigen Lohnkosten in der CEE-Region nutzen könnten, gleichzeitig aber die Aufwendungen für Logistik steigen. Daraus resultiere ein Standort-Nachteil, der nur durch "local sourcing" kompensiert werden könne, so Palm.

"Volkswirtschaftlicher Wahnsinn"

Sein Unternehmen habe "nichts verschlafen, sondern bereits frühzeitig die Chancen in Osteuropa erkannt und in den Strategien berücksichtigt", erklärte Johannes Elsner, Vorstandschef der in Krems beheimateten Eybl-International AG. Eybl sei aus der "sterbenden Textilindustrie in Niederösterreich" entstanden und habe seinen Schwerpunkt vor vier Jahren auf den Bereich Innenausstattung gelegt. Inzwischen besitze man Fertigungsstätten in Westungarn, der Slowakei und Rumänien, die mit einer zentralen logistischen Steuerung ausgestatten seien. Dennoch habe das Unternehmen einen Logistikaufwand von 28 Millionen Kilometer im Jahr, was einem "volkswirtschaftlichen Wahnsinn" gleichkomme.

Auch Friedrich Huemer, Chef der Polytec-Group, konnte Palms Aussagen wenig abgewinnen. Sein Unternehmen verfüge über zwei Standorte im Inland, die Hauptkunden seien in Deutschland angesiedelt. Daher bringe eine Fertigung im Osten zwar Produktionskostenvorteile, der Weg der Ware zu den deutschen Abnehmern sei aber sehr transportintensiv. In Österreich sei nur die Produktion von hochtechnischen Teilen sinnvoll, so der Firmenchef, der sich weitere Übernahmen in Osteuropa vorstellen kann. Vorsichtig zeigte sich Huemer bei Investitionen in heimischen Grenzregionen, dort seien die Risiken höher als die Chancen.

Probleme für kleine Unternehmen

Hürden bei einem Engagement im Osten gebe es vor allem für kleine Unternehmen. Da im Bereich Personal starke Abwerbungsversuche zwischen den einzelnen Betrieben bestünden, sei es besser, ein Unternehmen nicht zu nahe an den Industriebetrieben der Autobauer anzusiedeln. Die teilweise schlechte Ausbildungsqualität wertet auch Palm als einen Standort-Nachteil. Die Vorteile im Osten lägen neben der billigeren Produktion vor allem in der höheren Flexibilität, verbunden mit einer hohen Motivation der Mitarbeiter. Entscheidend sei aber vor allem die richtige Managementstruktur, erklärte der Polytec-Chef.

Peter Kuen vom Automotive Cluster Vienna Region (ACVR) unterstützte die Ansichten der beiden Firmenvertreter: "Innovation ja, produktionsintensive Fertigung nein". Kritik übt der Clustermanager an der "nicht immer guten Infrastruktur in Osteuropa", trotzdem müssten Kooperationen mit Unternehmen vor Ort geschlossen werden. Die Konkurrenz aus England und Italien werde stärker, noch gebe es aber einen zeitlichen Vorsprung für österreichische Firmen, die hier als Brückenpfeiler fungieren könnten, so Kuen.

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Für Elsner ist das Auftreten eines Unternehmens in Osteuropa und damit das Bild in der Öffentlichkeit ebenso von entscheidender Bedeutung wie die Logistikkompetenz. Daher habe man in Westungarn ein Logistikzentrum gebaut, das mehrere Werke im Umkreis beliefern kann. Außerdem sei man an der Gründung eines Industrieparks beteiligt gewesen, um die Ansiedlung von Vorlieferbetrieben zu forcieren. Dass dieses Konzept funktioniere, beweise das Interesse von 52 Betrieben an dem Projekt.

Da die OEMs (Original Equipment Manufacturer) zunehmend kostengünstiger arbeiten müssen, sei auch der Druck auf die Zulieferer stark gestiegen. "Schon bei der Auftragsübernahme muss man überlegen, ob man ein Kostenreduktionsprogramm (seitens der Hersteller - Anm.) überhaupt finanzieren kann", stellte Elsner fest. Daher sei die Simulation im Entwicklungsprozess ebenso wichtig wie die "Rohstoffgewalt" des Zulieferbetriebs. Für den Zeitraum bis 2015 rechnet der Eybl-Chef mit weiteren Auslagerungen durch die OEMs, mit Ausnahme des Bereichs Elektrik/Elektronik. Die Autobauer haben mit Outsourcing viel Geld verdient, so Huemer, an einen gegenläufigen Trend glaubt er nicht: "Insourcing werde ich nicht mehr erleben." (red)

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