Museum Gugging: Kunst ohne Zeitgeist

28. Juni 2006, 17:30
posten

Mit der Ausstellung "Blog" wurde am Mittwoch das "Museum Gugging – Art/Brut Center" eröffnet

Neben den Schauräumen wurde auch Raum für "artists in residence" geschaffen.

Maria Gugging – In Gugging entsteht keine Patientenkunst, in Gugging leben und arbeiten Freiberufler mit Sachwalter. Weltberühmt waren sie schon – documentagetestet, Kokoschka-Preis-geehrt, kunstmarktgeprüft – jetzt haben sie dazu auch noch ihr eigenes Museum neben ihrem privaten Wohnhaus, dem berühmten "Haus der Künstler".

Und dort, im "Museum Gugging – Art/Brut Center" werden zur Eröffnung auf etwa 1300 Quadratmetern Fläche etwa 400 Werke der "großen" aber auch der weniger bekannten Gugginger gezeigt, Arbeiten von Hauser, Tschirtner, Walla und Co, neben Beispielen der heute im Haus der Künstler lebenden und arbeitenden Johann Fischer, Johann Garber, Franz Kernbeis, Johann Korec, Heinrich Reisenbauerer, Arnold Schmidt, Günther Schützenhofer und Karl Vondal präsentiert. Etwa ein Drittel der Werke stammt aus dem Besitz der gemeinnützigen Privatstiftung, der Rest sind Leihgaben, viele darunter aus dem Besitz Helmut Zambos.

Zustandsgebunden

Jean Dubuffet hat darauf hingewiesen: Genauso wenig, wie es eine "Kunst der Knieverletzten" gibt, gibt es eine "Kunst der Verrückten". Die Kunst ist völlig unabhängig davon, ob ihr Schöpfer in einer Anstalt lebt oder in der "normalen Gesellschaft". Für Jean Dubuffet zählten die so genannten Außenseiter zu den wesentlichen Anregern der Moderne. Sein Werk war geprägt von dem, was Leo ^Navratil in den Sechzigerjah 2. Spalte ren unter dem Begriff "Zustandsgebundene Kunst" zu fassen suchte. Navratil hat in den Fünfzigerjahren begonnen, "Testzeichnungen" mit seinen Patienten durchzuführen – zunächst nicht hinsichtlich künstlerischer Ergebnisse, sondern rein wissenschaftlicher Natur. Unter tausenden der so entstandenen Patientenzeichnungen fanden sich jedoch einzelne, die ihm besonders erschienen. Navratil schloss das "Phänomen" mit jenem "Talent" kurz, das auch unter den "Normalen" bloß einige auszeichnet.

Trotz zahlreicher Studien und Forschungsergebnisse aus den Gebieten der Psychiatrie, Neurobiologie, Kunstgeschichte und Kunstbiologie liegen die Grundlagen des Phänomens "Kreativität" noch weit gehend im Dunkeln. Offensichtlich ist aber, dass der Zerfall eines "normalen", geordneten Bildes der Realität, ein verändertes Wirklichkeitsbewusstsein, ein kreatives Potenzial freilegen kann, das weit über die Tatsache der Andersartigkeit dieser Werke hinaus unmittelbar berührt.

Aus diesem Ansatz heraus festigte sich im Laufe seiner Arbeit die Erkenntnis, dass ei^ne Person, die an einer Psy 3. Spalte chose erkrankt, nur dann fähig ist, eine "formale Einmaligkeit" zu schaffen, wenn sie auch künstlerisches Talent hat. Und: Unter psychisch Erkrankten gibt es nicht mehr Talente als in der Durchschnittsbevölkerung. Leo ^Navratil förderte diese Talente, 1981 kam es zur Gründung des Hauses der Künstler in Gugging. Das Haus ist Wohn- und Arbeitsstätte, Museum und Kommunikationsraum zugleich. Jeder Bewohner des Hauses soll die Möglichkeit haben, sein künstlerisches Ta 4. Spalte lent konzentriert und drucklos auszuüben. Der Arzt, Bildhauer, Autor und Initiator des Art/Brut Centers, Johann Feilacher, hat vor nun schon 20 Jahren die Leitung des Hauses der Künstler übernommen und Navratils Arbeit wesentlich erweitert (Abkehr von der zweckgebundenen Therapieorientierung). Nina Katschnig leitet die Gugginger Galerie der Künstler. 2007 geht die Schau auch auf Welttournee. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.6.2006)

Von Markus Mittringer

Link

gugging.org

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Nina Katsnig und Johann Feilacher, Leiter der Kunst - und Psychotherapie in Gugging

Share if you care.