Mädchen erobern den Raum im Spiel

28. Juni 2006, 11:40
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Sie sind zurückhaltender und werden daher schneller verdrängt - Im Mortarapark gestalteten nun Mädchen einen Spielplatz für Mädchen

Wien – Fällt das Stichtwort "mädchengerechte Parkplanung" ist oft ein mitleidiges Lächeln die Reaktion. Beim Besuch im neu gestalteten Mortarapark in der Brigittenau hieß es aber gleich: „Schon arg. Die Burschen schnappen die besten Jobs weg – schon am Spielplatz.“ Tatsächlich galten im Mortarapark bis vor Kurzem die gleichen Spielregeln wie in so vielen Parks: Die Burschen ballestern im Käfig – und die Mädels schauen draußen zu. Oder kümmern sich um die kleinen Geschwister.

"Aktion Mädchenkäfig"

Bis dann eines Tages im Jahr 2003 der Käfig für die Burschen Sperrzone war. Sozialarbeiterin Tanja Wehsely hatte die „Aktion Mädchenkäfig“ ausgerufen und zum ersten mal wurde in diesem Park einmal auf Flip-Charts festgehalten, was die Mädchen von einem Spielplatz erwarten; was ihre größten Wünsche sind.

Dieser Tage wurde nun der erste „Mädchenpark-Teil“ auf dem Mortaraplatz eröffnet – hochoffiziell von gleich zwei Stadträtinnen, Ulli Sima (Umwelt) und Sonja Wehsely (Frauen und Integration). Den Mädchen war’s recht– sie ließen sich beim Klettern am „girl power Baumhaus“ nicht stören. Von dort oben haben sie den besten Überblick und sind notfalls vor Regen geschützt. So hatten sie es selbst gewünscht und mitgeplant.

Tisch für die Hausübung

Gleich daneben: ein Beerensträucher-Labyrinth. „Mit echten Ribiseln“, wie die Mädchen betonen, was sie ganz genau wissen, weil sie die Sträucher selbst gemeinsam mit den Stadtgärtnern gepflanzt haben. Dazu kommt nicht nur eine besonders lange Seilbahn, sondern auch – ein Tanzplatz. Ein Vorschlag, der von den quirligen Girls eingebracht worden war. Aber auch praktische Dinge des Alltags finden sich nun hier: Wie „gute Sitzgelegenheiten mit Tisch zum Hausübung machen.“

All diese Bestandteile der „Mädchenecke“ im Park wurden aus einer Fülle von Vorschlägen, Planzeichnungen und gebastelten Modellen demokratisch ausgewählt. Einiges davon kehrt zumindest als Prinzip immer wieder und ist längst bekannt – in der „Leitstelle Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen“.

Kinder beobachtet und interviewt

Begonnen hatte dies alles vor Jahren und zwar genau vor zehn – mit der Studie „verspielte Chancen?“ Bei dieser Untersuchung wurden im Auftrag des Wiener Frauenbüros 36 Parks beobachtet und betroffene Kids interviewt. Danach wurden die dort gewonnenen Erkenntnisse in ein paar Parks umgesetzt; etwa am Einsiedlerplatz und im Bruno Kreisky-Park. „Mädchen sind bei der Eroberung des Raumes viel zurückhaltender – also versuchten wir sie durch die räumliche Gestaltung zu unterstützen“, erläutert Eva Kail von der Leitstelle für frauengerechtes Planen.

Planungsempfehlungen

Daher sind für sie spezielle Angebote wichtig. Aussichtsplätze zum Beobachten. Volleyball- neben Fußballplätzen. Oder auch: Spielmöglichkeiten gleich neben dem Kleinkinderspielplatz, damit sie die kleinen Geschwister im Auge behalten können. All diese Erkenntnisse und Erfahrungen wurden nun in „Planungsempfehlungen für Parkanlagen“ zusammengefasst, die „vor allem den Bezirksvertretern übermittelt wird, weil die entscheiden letztlich die Gestaltung“, erläutert Sonja Wehsely. Da geht es dann oft nur um kleine Details – wie die Anordnung der Wege. Und wenn es eine „Runde“ gibt, auf der man laufen oder Roller fahren lernen kann, kommt das schließlich auch den Bedürfnissen der Burschen zugute. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 28.06.2006)

  • Oben auf dem „girl power Baumhaus“: Rauf klettern, oben sitzen und den Überblick haben – das gehört zu den wichtigsten Grundbedürfnissen von Mädchen am Spielplatz
    foto: standard/fischer
    Oben auf dem „girl power Baumhaus“: Rauf klettern, oben sitzen und den Überblick haben – das gehört zu den wichtigsten Grundbedürfnissen von Mädchen am Spielplatz
  • Platz und eine Bühne für den Bewegungsdrang der Mädchen: Im Brigittenauer Mortara-Park konnten sie selbst mitbestimmen, wo sie was spielen
    Platz und eine Bühne für den Bewegungsdrang der Mädchen: Im Brigittenauer Mortara-Park konnten sie selbst mitbestimmen, wo sie was spielen
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