Schüler decken Mängel an Baujuwel auf

29. Juni 2006, 11:09
8 Postings

Grazer Mursteg musste wegen Matura-Abschlussarbeit gesperrt werden - Stadträtin: "Kein offizielles Gutachten"

Graz – Zwei Grazer HTL-Schüler lösten mit ihrer Matura-Abschlussarbeit eine Sperre des Murstegs im Grazer Stadtzentrum aus – und eventuell eine kleine Blamage in der Architekturszene. Sie haben errechnet, dass der vor 14 Jahren errichtete Mursteg, den die international bekannten Architekten Günther Domenig und Hermann Eisenköck geplant hatten, „nicht gebrauchstauglich“ sei.

"Haben uns immer gewundert"

„Wir haben uns immer gewundert, warum der Steg beim Drübergehen so stark schwingt“, erzählt die Maturantin Eva Hasenhüttl. Ihr Lehrer Ernst Tappauf, der ein technisches Büro für Stahlbau und Baudynamik betreibt, stellte ihr und ihrem Kollegen Johannes Reith Messinstrumente zur Verfügung und unterstützte sie bei ihren Versuchen. Hasenhüttl: „Wir konnten die Tests gar nicht zu Ende führen, weil der Steg schon so gefährlich geschwungen hat.“ Der Mursteg sei durch seine sehr niedrige Eigenschwingungsfrequenz besonders sensibel, erklärt Tappauf: „Wenn die Eigenschwingung des Stegs mit den Schwingungen zusammentrifft, die Fußgänger und Radfahrer produzieren, ist das sehr gefährlich.“

Einbruchgefahr

Theoretisch könnte der Mursteg sogar zusammenbrechen. Am vergangenen Freitag präsentierte Eva Hasenhüttl die Erkenntnisse den Grazer Stadtwerken. „Zwei Stunden später kam der Anruf, dass die Brücke gesperrt ist“, war Tappauf überrascht über die prompte Reaktion. Bis ein offizielles Gutachten erstellt ist, bleibt der Steg nicht zugänglich.

Der Stadt Graz ist es offenbar peinlich, dass es Schüler waren, die die mögliche Gefahr entdeckten. Es sei eine „Diplomarbeit und kein offzielles Gutachten“, darum werden die Autoren nicht bekannt gegeben, erklärt Stadträtin Wilfriede Monogioudis (KPÖ). Tappauf ist verärgert: „Die Schüler haben ein Recht darauf namentlich genannt zu werden.“ Zudem sei die Arbeit eigentlich eine „erweiterte Fachbereichsarbeit, die auch Diplomarbeit genannt wird.“ Der Mursteg-Architekt Eisenköck hält die Sperre für eine „Hysterie“: „Es gab schon während der Bauphase des Stegs immer wieder selbst ernannte Gutachter, die ihren Senf dazu gegeben haben.“ Er finde es überzogen, die Brücke für den normalen Gebrauch zu sperren. „Wenn ich 300 Leute auf eine Brücke stelle und sie im Takt springen lasse, dann kann ich jede Brücke eventuell zum Einstürzen bringen.“ (Evelyn Kanya, DER STANDARD Printausgabe, 28.06.2006)

  • Seit seinem Bau vor 14 Jahren ist der Mursteg in Graz umstritten, jetzt wurde er aus Sicherheitsgründen gesperrt
    foto: standard/philipp

    Seit seinem Bau vor 14 Jahren ist der Mursteg in Graz umstritten, jetzt wurde er aus Sicherheitsgründen gesperrt

Share if you care.