Kopf des Tages: Ivana Dulic-Markovic

30. Juni 2006, 12:50
24 Postings

Serbiens neue Vize-Premierministerin: Leise, ungeschminkt und irritierend

Niemand hat erwartet, dass die bescheidene, höfliche Frau, die in Zagreb Landwirtschaft studiert hat, ein Symbol für die Vergangenheitsbewältigung in Serbien werden würde. Zum Dorn im Auge der Nationalisten wurde Ivana Dulic-Markovic (45), als sie als Landwirtschaftsministerin den Gefolgsleuten Milosevic' vorwarf "statt Obst Leichen" in Kühlwagen transportiert zu haben und die Serben aufrief, sich mit der Schuld für das Massaker in Srebrenica auseinanderzusetzen.

Sie brüllte, fluchte und klagte nicht lauthals an, wie man es vom Außenminister Vuk Draskovic gewohnt ist, sondern sprach leise von den im Namen des Serbentums begangenen Verbrechen: "Alle Worte, alle mächtigen Worte hätte ich aussprechen sollen, bevor die Verbrechen geschehen sind." Gerade das schien die rechts-radikalen Kräfte besonders zu irritieren.

Als Vizepremier Miroljub Labus zurücktrat, weil sich Ex-General Ratko Mladic trotzt aller Versprechen von Premier Koatunica immer noch auf freiem Fuß befindet und deshalb die Assoziierungsverhandlungen mit der EU ausgesetzt wurden, nahm sie mutig die Kandidatur für die Nachfolge an. Die Ultranationalisten fielen wegen ihrer kroatischen Herkunft wie wild über sie her: Ihr Bruder hätte in kroatischen Spezialeinheiten gegen Serben gekämpft. Sie hätte damit geprahlt, sie werde wohl nun ihre kroatischen Faschisten als Berater nehmen, schrie man sie an. Dennoch wurde sie vergangene Woche im Amt bestätigt.

Viele Abgeordnete lachten, als die erste Vizeministerpräsidentin in der Geschichte Serbiens zu weinen begann. "Ich kämpfe für ein europäisches Serbien", sagte sie mit Tränen in den Augen. Auch Faschisten, die ihre Familie gefährden und geisteskranke Menschen auf sie hetzten, würden sie nicht unterkriegen, versprach sie - und hielt sich daran.

Gut gelaunt erklärte die Witwe und Mutter von zwei Kindern in einer Talkshow, warum sie immer "so unauffällig" ausschaue. Sie sei es nicht gewöhnt, sich zu schminken, sagte sie, und trage eben mit Vorliebe schmucklose, graue, konservative Kostüme. Sie hätte aber nichts dagegen, falls sich ihre Tochter ein Tattoo oder Piercing zulegen würde, denn sie sei ja hübsch und ihr würde alles gut stehen.

Als ihre wichtigste Aufgabe erachtet das Mitglied der Partei "G-17 plus" die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit der EU, was wirtschaftliche Reformen ankurbeln würde. Innenpolitisch setzt sie sich für eine Koalition aller pro-europäischen Parteien ein. Denn keine Partei aus dem "demokratischen Lager" kann allein die absolute Mehrheit erreichen, während die Nationalisten laut Umfragen an die Macht kommen könnten. "Gemeinsam müssen wir dieses größte Übel verhindern", findet Dulic-Markovic. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2006)

von Andrej Ivanji
Share if you care.