Die Ankunft des Fußballs

27. Juni 2006, 19:58
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Die Australier nahmen das 0:1 gegen Italien mit Anstand hin - Der Kick hat in Down Under Durchbruch geschafft, man will die WM 2018

Kaiserslautern - Da die Zeitverschiebung Australien vor allem dann trifft, wenn ein Ereignis in Europa stattfindet, war es in Sydney finster. Rund 20.000 Fans hatten sich in der Norton Street im Herzen der Stadt vor dem riesigen Bildschirm versammelt. Als Francesco Totti in der fünften Minute der Nachspielzeit den 1:0-Erfolg der Squadra Azzurra gegen Australiens Helden im taghellen Kaiserslautern per Foulelfmeter perfekt machte, blickten die Anhänger geschockt und ungläubig quasi nach Deutschland. Und dort sahen sie einen Haufen jubelnder Italiener.

Einige wischten sich verstohlen die Tränen aus den Augenwinkeln, nachdem die Schützlinge von Trainer Guus Hiddink um kurz vor drei am Dienstagmorgen australischer Zeit den großen Coup auf Grund eines höchst umstrittenen, ja lachhaften Strafstoßes verpasst hatten. Wobei die rote Karte in der 50. Minute für den Italiener Marco Materazzi nicht minder witzig war.

Die Hiddink-Elf ertrug das K.o. drüben im Fritz-Walter-Stadion mit sportlicher Fairness und Anstand. Statt minutenlang heftig gestikulierend den spanischen Referee Luis Medina Cantalejo zu umzingeln, wie es wohl jedes arrivierte Team getan hätte, reichten die "Aussies"den Siegern freundlich die Hand. "Wir haben eben noch mehr die Mentalität von Straßenkickern", erklärte Angreifer John Aloisi das Szenario.

Eh schon 219 Jahre nach der Besiedlung des Fünften Kontinents durch die Engländer ist deren Nationalsport Nummer eins endgültig in der ehemaligen Kolonie Down Under angekommen. Bei der zweiten Teilnahme nach 1974 schoss Tim Cahill gegen Japan das erste Tor für die Australier in ihrer WM-Geschichte. Sechs Minuten später stand es 3:1, der allererste Sieg war perfekt.

"Fußball hat sich jetzt in Australien als Nummer eins etabliert. Das ist ein Verdienst dieser Mannschaft. Das Team hat einen großen Job gemacht", bilanzierte der als Nationalcoach nach Russland wechselnde Niederländer Hiddink mit Blick auf das sensationelle Echo im winterlichen Australien. Bei null Grad Celsius hatten Zehntausende vor Videowänden im Freien gefeiert, Millionen saßen zu nachmitternächtlicher Stunde bis zum frühen Morgen vor dem Fernseher.

Bislang stand "Soccer"in Australien im Schatten von Cricket und Rugby, wurde sogar von Schwimmen und Leichtathletik übertrumpft. Das werde sich jetzt komplett ändern, hieß es aus dem australischen Lager. Seit Mitte der 80er arbeitet der Verband in Kooperation mit den Australian Instititute of Sport (AIS) am Aufstieg in der weltweit wichtigsten Sportart, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit Immigranten aus Europa auf dem Kontinent Einzug hielt und lange Zeit als "ethnisches Spiel"verpönt war.

Eine mögliche Heim-WM 2018 könnte dem Fußball-Boom in Australien Rechnung tragen. Premierminister John Howard hat einer Bewerbung für das Endrundenturnier in zwölf Jahren jedenfalls schon zugestimmt.

"Unser Ergebnis hier ist erst der Anfang. Das System wird bestimmt weitere Früchte tragen", sagte Aloisi. Insgesamt werden derzeit die 50 besten Nachwuchs-Fußballer zwischen 16 und 18 Jahren am AIS unter professionellen Bedingungen fitgemacht, um anschließend eine Karriere in der nur acht Mannschaften umfassenden australischen Profi-Liga oder bei Profi-Klubs im Ausland zu machen.

Allerdings bedarf es noch gewisser Strukturanpassungen. So müssten unbedingt eine zweite und dritte Liga gegründet und Nachwuchsmeisterschaften aus dem Boden gestampft werden. Das würde den rund 600.000 registrierten Vereinsspielern endlich einen systematischen Wettkampfbetrieb ermöglichen und die Talentsichtung erleichtern.

Italien trifft am Samstag im Viertelfinale auf die Ukraine. Totti lobte die Australier: "Wir mussten lange leiden." (DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 28. Juni 2006, red)

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    Guus Hiddink ist mit seinen Socceroos in Deutschland ausgeschieden, der Auftritt war dennoch ein voller Erfolg.

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