Kommentar: Die nächsten Netscapes

6. Juli 2006, 15:01
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Besonders ernst dürfte Microsoft die laufenden EU-Kartellrechtsverfahren nicht nehmen

Besonders ernst dürfte Microsoft die laufenden EU-Kartellrechtsverfahren nicht nehmen. Da sitzen Juristenheere und streiten seit Jahren, ob und wie der Softwarehersteller sein Windows-Betriebssystem anderen Produzenten öffnen muss und ob beispielsweise ein Media-Player Teil des Betriebssystems sein darf oder nicht.

Vista

Und dann erfahren die Kartellwächter scheibchenweise, dass der Windows-Nachfolger Vista noch viel mehr Software integriert haben soll: Ein Virenprogramm, Bürosoftware zum Erstellen von PDF-Dateien, eine Suchmaschine für das Internet und einiges mehr. Dies sei der Wunsch der Kunden, und dazu könne niemand Microsoft das Recht nehmen, innovativ zu sein, verteidigt sich das US-Unternehmen. Windows-Versionen ohne Media-Player, die auf Druck der Kommission auf den Markt gekommen sind, hätten sich als absoluter Flop herausgestellt.

Recht

Hier hat Microsoft natürlich Recht: Für die Kunden ist es äußerst bequem und attraktiv, mit dem Betriebssystem auch gleich andere Dinge geliefert zu bekommen. Und ein Virenschutzprogramm gehört, logisch gesehen, eher zum Betriebssystem als ein DVD-Player, auch wenn Konkurrenten ätzen, es sei ein starkes Stück, das unsicherste Betriebssystem der Welt auf den Markt zu bringen und dann auch noch am Virenschutz zu verdienen.

Der Preis

Doch für ihre Bequemlichkeit müssen die Kunden einen hohen Preis zahlen: Ältere User werden sich noch an das Unternehmen Netscape erinnern, das den ersten Internetbrowser entwickelte und sehr erfolgreich war, bis Microsoft seinen Internet-Explorer ins Betriebssystem einbaute. Heute ist der sechs Jahre alte Internet-Explorer völlig veraltet und eine Peinigung, was Microsoft aber nicht mehr stört, denn das mit der Konkurrenz hat sich erledigt. Die nächsten Netscapes warten schon.(Der STANDARD Printausgabem 28. Juni 2006)

Von Michael Moravec
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