Reportage: "Wir bleiben die Sklaven Roms"

10. Juli 2006, 13:48
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In der Lega Nord herrscht nach der Niederlage beim italienischen Verfassungsreferendum tiefer Frust

Jetzt schaut die Partei, die sich immer für eine Föderalisierung des Landes eingesetzt hat, einer ungewissen Zukunft entgegen: Mit oder ohne Berlusconi?

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Auch das WM-Spiel der italienischen Fußballmannschaft konnte Radio Padania nicht dazu bewegen, seine Sendungen zu unterbrechen. Am Montag hatte im Lega-Sender einmal mehr das Fußvolk das Wort. Und das ließ seiner Wut, Enttäuschung und Ernüchterung freien Lauf.

"Ich würde viel geben, um das rote Emilien in die Luft zu sprengen", ereifert sich eine Hörerin aus Udine. "Es ist beschämend, wir bleiben Sklaven Roms", ließ Adriana aus Montebelluna im Veneto Dampf ab. "Meinen Wahlschein habe ich heute weggeworfen", bekannte Franco aus Mailand. "Wir haben fünf Jahre vergebens gekämpft".

Nach der schweren Niederlage beim Referendum gärt es unter den Wählern der Lega Nord. In den Hochburgen der Partei rund um Bergamo, wo die Ja-Stimmen 70 Prozent erreichten, sitzt der Frust tief. "Eines steht fest", ärgert sich der Provinzsekretär Cristiano Forte, "unsere Mitarbeit im Rechtsbündnis hat keine Früchte gebracht". Die Lega Nord setzte sich seit ihrer Gründung für eine Föderalisierung Italiens ein. Nun steht sie am Scheideweg und blickt einer ungewissen Zukunft entgegen. Am Sonntag will die Partei in Pontida ihre traditionelle Großkundgebung abhalten, um die Stimmung der Basis zu sondieren. Doch dass die Nein-Stimmen überraschend auch in Norditalien gesiegt haben, gilt als schlechtes Omen für die Zukunft.

Bossi bleibt

Umberto Bossi hat alle Rücktrittsforderungen abgelehnt. Am Montag beriet er beim Abendessen mit seinem wichtigsten Mentor Silvio Berlusconi über die Zukunft des Rechtsbündnisses. Das Land habe "eine historische Gelegenheit verpasst", klagte der Oppositionsführer nach der Niederlage.

Dagegen erklärte der Christdemokrat Marco Follini, das Rechtsbündnis sei "bereits vor der Volksabstimmung am Ende"gewesen. "Eine Allianz, in der die populistische Rechte das gemäßigte Zentrum in politische Abenteuer verwickeln will, hat keine Zukunft", versicherte Follini.

Grund zum Jubeln hatte am Montag Romano Prodi. Auch die größten Optimisten im Ulivo-Bündnis hatten einen Sieg dieses Ausmaßes nicht erwartet. Doch der Premier beherzigte die Empfehlung der Tageszeitung La Repubblica, auf "unangebrachte Jubelfeiern und Siegesgesten tunlichst zu verzichten".

Der Regierungschef beauftragte den linksdemokratischen Minister Vannino Chiti, Verhandlungen mit dem Rechtsbündnis aufzunehmen. Doch nach zahlreichen gescheiterten Versuchen, Italiens Verfassung zu ändern, ist in beiden Lagern die Skepsis groß. Prodi hat zudem mit Widerstand im eigenen Lager zu kämpfen. Die Kommunisten und der linke Flügel der Linksdemokraten sperren sich gegen den Kurs des Premiers. Sie lehnen Verhandlungen ab und bestehen auf einer Denkpause.

Innenminister Giuliano Amato hat die Bildung einer Kommission aus Politikern, Juristen und Universitätsprofessoren angeregt, um einen Entwurf für eine neue Verfassung auszuarbeiten. Gleichzeitig mit der Verfassung will Prodi auch das von Berlusconi eingeführte Wahlrecht wieder ändern. Dabei stößt er im Rechtsbündnis auf wenig Widerstand. Hätte Silvio Berlusconi das Mehrheitswahlrecht nicht kurz vor der Wahl geändert, säße er heute statt Romano Prodi noch immer im Chigi-Palast. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2006)

Gerhard Mumelter aus Rom
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