Und nun zum Wetter: Es bleibt extrem

4. Juli 2006, 19:11
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Immer mehr Hitzeperioden im Sommer, immer mehr Überschwemmungen: Das Wetter schlägt Kapriolen

Immer mehr Hitzeperioden im Sommer, immer mehr Überschwemmungen: Das Wetter schlägt Kapriolen. Vergangene Woche machten sich Experten in Wien Gedanken darüber, warum das so ist, und wie der Mensch sich mit besseren Warnsystemen vor den Folgen schützen kann.

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"Unabwendbar" nannte der deutsche Klimaexperte Wolfgang Seiler den Klimawandel, zumindest was die nächsten dreißig bis fünfzig Jahren betrifft. Als Grund nannte er - wen überrascht es noch - den Menschen. Die Auswirkungen werden weltweit spürbar sein. Besonders treffen wird es aber die Alpen, da bergige Regionen sehr sensible Ökosysteme darstellen, in denen kleine Veränderungen große Wirkungen hervorrufen können. Anhand von Zahlenmaterial untermauerte Seiler bereits erkennbare Tendenzen: Schneefälle im Winter werden merklich abnehmen, im Sommer wird es mehr Hitzeperioden geben, generell wird auch mehr Regen fallen.

Extreme Folgen

Die Folgen sind vermehrt extreme Wetterereignisse - das heißt etwa mehr Überflutungen, mehr Waldbrände, öfters Wasserknappheit etc. Die letzten drei alpinen Überschwemmungskatastrophen aus den Jahren 1999, 2002 und 2005 betrachtend, resümierte er: "Es dauert keine hundert Jahre mehr, bis wir die nächste Jahrhundert-Überschwemmung erleben werden."

Niemand widersprach dem Klimaexperten Seiler, der im Rahmen des Meteorisk Symposions letzte Woche in Wien, veranstaltet von Wissenschaftsministerium (BMBWK) und Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) sprach. Die anwesenden Meteorologen hatten sich bereits vor drei Jahren zusammengefunden, um etwas ganz Anderes zu versuchen: Mit Meteorisk, einem grenzüberschreitenden EU-Projekt, Wetterprognosen im gesamten Alpenraum zu koordinieren - zum Schutz vor extremen Wetterlagen.

Mit mehr als 1500 Wetterstationen besitzt nun der Alpenraum das dichteste Wetterbeobachtungsnetz der Welt. Michael Staudinger von der ZAMG in Salzburg und einer der Leiter des Meteorisk-Projekts: "Zwei Indianer sehen mehr als einer und zwei Meteorologen aus unterschiedlichen Gebieten kommen gemeinsam zu einer besseren Prognose als einer". Die digitale Vernetzung ist demnach wichtig, um die Voraussagekraft zu erhöhen und die Rate der falschen Alarme zu senken.

Das Meteorisk Webportal richtet sich an Touristen, Alpinisten, Wassersportler, Katastrophenhelfer, Bergretter, Land- und Forstwirte etc. Eine vierstufige Farbskala gibt rasch und unkompliziert Auskunft über mögliche Wettergefahren. Die Gefahrenstufen wurden dabei auf klimatisch unterschiedliche Gebiete abgestimmt. Rot als Katastrophenlage bedeutet zum Beispiel in Städten zwanzig Zentimeter Neuschnee. Im Gebirge gibt es ähnlich kritische Neuschneesituationen erst ab sechzig Zentimeter.

Das Warnsystem für den Alpenraum wurde mittlerweile allerorten mit viel Lob bedacht, so dass zurzeit an einem europaweiten System gearbeitet wird. "Wahrscheinlich wird es Meteoalarm heißen", verriet Frank Kroonenberg, der federführend in dem Projekt involviert ist, das unter dem Akronym EMMA (European Multiservice Meterological Awareness) läuft.

Keine Erfahrung

Staudinger betonte, dass das lokale Wissen über gefährliche Wettersituationen oft sehr gut sei. "Jedoch für extreme Ereignisse gibt es keine Referenzerfahrungen." Damit die Bevölkerung in Zukunft vor bösen Überraschungen verschont bleibt, wollen die Meteorologen noch präzisere Aussagen liefern - und zwar zeitlich wie räumlich. Mit Nowcasting ("Jetzt-Berichten") sollen auch sehr kurzzeitige Wetterverläufe berechenbar werden. Und mit X-Band Radargeräten sollen mikroklimatische Veränderungen besser erfasst werden.

"Im Gegensatz zu klassischen C-Band Radarsystemen sind X-Band Geräte in ihrer Reichweite lokal begrenzt, dafür aber besser geeignet für alpine Beobachtungen, vergleichsweise günstig und auch umweltfreundlich", erklärt Stefano Micheletti, Direktor des Wetterdiensts von Friaul Julisch Venetien. Bei ersten Experimenten auf Monte Lussari, der in Friaul liegt, habe man sehr gute Erfahrungen gemacht.

Doch Daten allein genügen nicht. Sie müssen auch entsprechend bewertet werden. Markus Buchauer, von ZAMG Tirol/Vorarlberg, strich hervor, dass die Entwicklung von Programmen, die sehr seltene Extremereignisse früh erkennen können, eine große Herausforderung darstellt. Wichtig sei jedenfalls, dass das Computerergebnis von Leuten kontrolliert werde, die die Schwächen des Programms kennen.

Eine voll automatisierte Meteorologie könne es nicht geben - darin waren sich die Wetterexperten einig. (DER STANDARD, Printausgabe, 28. Juni 2006)

Von Thomas Mündle

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    Warum schlägt das Wetter Kapriolen? Den Frosch fragt niemand.

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