Aufklärung an der Knüpfmaschine

17. November 2006, 12:19
1 Posting

Die Bürgerrechtlerin Tanveer Jahan setzt sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für Teppich-Arbeiter ein

Wien/Islamabad - Tanveer Jahan nimmt das Glas und gießt fast das ganze Wasser weg. Nur ein Finger breit bleibt. "So sehe ich die Situation in Pakistan: Das Glas ist fast leer."Und entsprechend viel bleibt für die Menschenrechtsaktivistin Tanveer Jahan zu tun.

Frau Jahan ist Geschäftsführerin von DHDC (Democratic Commission for Human Development), einer Organisation, die sich für Menschenrechte und insbesondere die Chancengleichheit für Frauen auf dem Land einsetzt. An einem Wiener Kaffeehaustisch erzählt sie über ihr Land und ihre Arbeit. Tanveer Jahan ist zugleich Länderkoordinatorin der in Österreich vertretenen Organisation Label-Step, einer Stiftung, die sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von Teppichknüpfern in Entwicklungsländern engagiert.

Im Punjab, Pakistans bevölkerungsreichster Provinz, versucht Tanveer Jahan nicht nur, die Einhaltung fairer Arbeitsbedingungen und die Löhne der Geschäftspartner zu kontrollieren, sondern auch die Teppichknüpfer auszubilden und ihnen ihre Rechte bewusst zu machen.

Das kann in Pakistan besonders schwierig sein. Zwar wissen die Menschen um ihre bürgerlichen Rechte, doch der Alltag steht dem entgegen. "Wir haben viele Frauen in Spitzenpositionen der Gesellschaft, aber in Finanzangelegenheiten etwa gilt die Aussage einer Frau die Hälfte der eines Mannes", sagt Tanveer Jahan.

Überall Widersprüche

Ein Land der Widersprüche: Pakistan besitzt Kernwaffen, die Hälfte der Pakistaner haben jedoch kein Trinkwasser. Der "Ehrenmord"ist kein kriminelles Delikt, das der Staat verfolgen muss, sondern eine Familienangelegenheit. Pakistan ist offiziell ein Verbündeter der USA im Kampf gegen den Terrorismus - US-Außenministerin Condoleezza Rice traf am Dienstag zu einem Besuch in Islamabad ein -, doch die Extremisten scheinen freie Hand zu haben. Mitte Juni starben acht Menschen bei Anschläge auf Polizeifahrzeuge im Süden des Landen.

Zu Pakistans Kontrasten, so betont Tanveer Jahan, gehört auch das Nebeneinander von rund 20.000 Nichtregierungsorganisationen und traditionellen muslimischen Anschauungen. Ausbildung sei ein elitäres Privileg, das den Frauen nicht erlaubt ist, sagt Jahan.

Unter diesen Bedingungen setzen sich Step und DHDC für Ausbildung und transparentes Wirtschaften ein. Man arbeite in kleinen Gemeinden, wo jeweils zwei Personen ausgebildet werden und dann ihrerseits Kollegen in der Teppichproduktion betreuen und Berichte über die Arbeitsbedingungen erstellen, erklärt Tanveer Jahan ihr Prinzip.

"Was am schwierigsten ist, ist die Leute davon zu überzeugen, von der sicheren Seite der Tradition zur unsicheren Seite der neuen Strukturen zu wechseln", sagt Jahan. "Und das wird nicht nur einen Tag lang dauern." (Chiara Messina/DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2005)

  • Die pakistanische Menschenrechtsaktivistin Tanveer Jahan.
    foto: step

    Die pakistanische Menschenrechtsaktivistin Tanveer Jahan.

Share if you care.