Die Gesellschaft muss umdenken

27. Juni 2006, 18:55
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Sonja Gögele, Studiengangsleiterin für Internet-Technik und -management wurde zur Expertin des Monats Juni gewählt - Interview

STANDARD: Sie leiten den Studiengang Internettechnik und -management an der FH Kapfenberg. Was lernen die Studenten bei Ihnen?
Gögele: In einfachen Worten ausgedrückt: Systemtechniken mit allem, was dazugehört. Netzwerke und Computertechniken werden immer anspruchsvoller. Unsere Absolventen sollen in der Lage sein, Firmennetzwerke nicht nur einzurichten, sondern sie zu koordinieren. Dazu braucht man schon einen erheblichen Überblick über technische Möglichkeiten, aber auch über die Ansprüche einer Firma. So sind etwa auch grundlegende wirtschaftliche Kenntnisse notwendig. Bei Sicherheitsfragen geht es bestimmt nicht nur darum, neue Viren und Trojaner abzuwehren, sondern eher um rechtlich relevante Fragen.

STANDARD: Sie selbst haben eigentlich Wirtschaftswissenschaften studiert. Was hat Sie in die Technik getrieben?
Gögele: Ich komme aus einer kaufmännisch orientierten Familie - und aus diesem Grund war mein Lebensweg eigentlich bereits klar beschrieben. Aber ich hatte noch vor Studienbeginn die Möglichkeit, bei IBM in Graz ein Praktikum zu absolvieren. Das war eine kleine Besonderheit, weil IBM damals gewöhnlich nur Technikstudenten ab dem zweiten Semester zu sich nahm. Aber ich hatte einen tollen Vorgesetzten. Er war genauso neugierig wie ich, was sich aus meiner Tätigkeit entwickeln würde.

STANDARD: Aus diesem Praktikum sind schließlich 21 Jahre geworden. Widerspricht das nicht Ihrer "kaufmännischen Grundeinstellung"?
Gögele: Oh nein, es hat mich persönlich wie beruflich weitergebracht. Wirtschaftswissenschafter und Techniker leben in zwei völlig verschiedenen Welten. Sie haben nicht nur ihre eigenen Sprachen entwickelt, sondern verfolgen auch unterschiedliche Denkansätze. Ich hatte nun die Möglichkeit, beides zu verknüpfen. Ich habe an der Entwicklung von Buchhaltungssoftware oder Kostenrechnungssoftware für Mittelständler mitgewirkt.

STANDARD: Vor 20 Jahren waren System- und Netzwerktechniker fast ausschließlich männlich. Haben Sie sich als Frau nicht manchmal wie auf einem fremden Planeten gefühlt?
Gögele: Ja, technikbegeisterte Frauen waren damals eine Rarität. Wir kamen damals auf drei weibliche Angestellte unter 151 Technikern. Aber daran hat sich bis heute leider nicht viel geändert. Zwar ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen allgemein erheblich gestiegen. Man findet die Abteilungsleiterinnen allerdings zumeist im Marketing oder im Verkauf. In der technischen Entwicklung bleiben sie die Ausnahme.

STANDARD: Sie sagten einmal, dass es Frauen an informellen Netzwerken fehlt. Ist das nach wie vor eine Männerdomäne?
Gögele: Absolut. Männer treffen sich bei Rotary oder Lions, gehen zum kollegialen Stammtisch, zum Fußballspiel oder treten in berufliche Organisationen ein. Das machen sie nicht aus Spaß. Studien zufolge achten Männer viel mehr auf karriereorientierte Kontakte, während Frauen die freundschaftliche Ebene pflegen, die häufig nicht gleichzeitig karrieretauglich ist. Eine Studie aus Bielefeld kam zu dem Ergebnis, dass Frauen zwar keine autoritären Verhaltensmuster wie Männer pflegen, sie aber gern akzeptieren. Auch das ist nicht unbedingt karrieretauglich. Es fehlen weibliche Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Sie denken viel sachbezogener - das für die Karriere mindestens genauso wichtige "politische Denken" ist ihnen häufig fremd.

STANDARD: Müssen Frauen umlernen oder die Gesellschaft?
Gögele: Beides wird der Fall sein. Einer Arbeitsgruppe, die nur aus Männern besteht, fehlt Studien zufolge eine gruppendynamische Entwicklung. Deswegen achten wir an unserer FH darauf, dass wir auch lehrende Frauen einladen. Außerdem haben wir ein Mentoring-Programm geschaffen. Unsere Studentinnen werden im letzten Semester und noch ein weiteres halbes Jahr, wenn sie bereits im Beruf sind, von leitenden Managern begleitet. Häufig werden Studenten nur in den ersten Semestern unterstützt. Das scheint mir jedoch weniger nachhaltig zu sein. Am Ende des Studiums braucht man Unterstützung von erfahrenen Leuten, die im Laufe ihres Berufslebens mit allen möglichen Situationen bereits konfrontiert wurden.

STANDARD: Entstand das Engagement für Ihre Studentinnen aus der eigenen Erfahrung, sich gegen einen Männerwelt durchsetzen zu müssen?
Gögele: Ich habe den Konkurrenzdruck zwar bei anderen beobachten können, habe ihn damals aber selbst nicht so sehr gespürt. Das lag vermutlich vor allem daran, dass ich sehr jung war. Ich war und bin so neugierig, dass ich immer etwas anderes ausprobieren wollte. Karriere und damit verbundene Stufen kamen mir gar nicht in den Sinn. Deswegen bin ich wohl auch nie in direkte Konkurrenz getreten. (DER STANDARD, Printausgabe 28.06.2006)

Edda Grabar sprach mit ihr über Männerdomänen, die Bedeutung des Netzwerkens und das sachbezogene Denken der Frauen.
  • "Expertin des Monats" Sonja Gögele glaubt, dass ein Mentoringprogramm nicht mit dem Studienabschluss enden sollte.
    foto: der standard/fh
    "Expertin des Monats" Sonja Gögele glaubt, dass ein Mentoringprogramm nicht mit dem Studienabschluss enden sollte.
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